An der betreffenden Stelle im Gebiete des Dorfes Suljek erheben sich in einer Reihe hintereinander drei Bergskuppen: Pisannaja-Gorá, Soljannaja-Gorá und Oserskaja-Gorá, aus deren Südabhängen schieferartig gelagerte Schichten eines sandsteinartigen Gesteins herausragen und stellenweise senkrechte Felsflächen bilden. Vrgl. Abb. 65. Wir untersuchten die zwei zuerst genannten Berge und trafen die meisten Zeichnungen auf den Felsen der Pisannaja-Gorá an. Ich verzeichnete dort 17 grössere und kleinere Bildergruppen, von denen die fünf ersten und die vier letzten Gruppen (I-V u. XIV-XVII) auf Abb. 67 zu sehen sind; die Gruppen VI-XIII liegen auf der rechten Seite des Berges, der auf der Abbildung nicht sichtbar ist. Die Bilder sind, wie Aspelin bemerkt, zweierlei Art, primitive oder grob ausgeführte und künstlerische. Zu den ersteren gehören alle Zeichnungen auf der Pisannaja gorá mit Ausnahme der Gruppen I und XII. Von den primitiven bringen wir auf Abb. 66 und 68—75 die Gruppen II-IV, VI, VIII, XII, XIII, und XIV, zur Ansicht; die kunstvoller ausgeführten Gruppen XVII und I sind auf Abb. 76 und Abb. 77 dargestellt. Die primitiven Bilder sind, wie ich beim Abzeichnen feststellen konnte, stets mit einem Metallmeissel eingehauen; Aspelins Auffassung, dass diese Arbeit mit einer »Steinhacke» ausgeführt worden sei, ist offenbar irrtümlich. Die künstlerisch ausgeführten Bilder sind — wie auch die Inschriften — in die Oberfläche des Felsens eingeritzt und eingraviert, aber auch auf ihnen hat man die Haarbekleidung der Tiere dadurch veranschaulichen wollen, dass man mit einem spitzen Werkzeug in die Körperflächen spärliche Punkte eingehauen hat. Als ein weiterer technischer Unterschied sei hervorgehoben, dass die ganze Oberfläche eines primitiven Bildes, genau so wie bei den gleichartigen Darstellungen auf zahlreichen Grabsteinen z. B. am Boshe-Osero und am Maloje- Osero, eine 3 à 5 mm tief eingehackte Vertiefung bildet, während die künstlerischen Bilder ausnahmslos Umrisszeichnungen sind. An einigen Stellen der Gruppe I lässt sich erkennen, wie der Künstler beim Entwurf seiner Zeichnung oder Ritzung zu Werke gegangen ist. Er hat nämlich mit einem kleinen spitzen Pickel in kurzen Abständen voneinander Punkte eingehauen, welche die Richtung des einzuritzenden Striches angeben sollten. Von den künstlerischen Bildern sind einige, vor allem die in den unteren Teilen der Gruppe I befindlichen, mit breiteren und tieferen Strichen eingraviert als die übrigen, während die Linien der auf der oberen Felsfläche angebrachten lebhaften Jagdbilder und Inschriften so dünn sind, dass man sie nur bei günstiger Beleuchtung unterscheiden kann. In Abb. 77 ist der Versuch gemacht worden diese Verschiedenheit der Ritzungen durch dickere und dünnere Striche anzu- geben. An vielen Stellen sind Bilder übereinander eingeritzt worden, wodurch die Deutlichkeit der Darstellungen gelitten hat. Was die künstlerische Auffassung betrifft, so bestehen die primitiven Darstellungen, besonders in der Gruppe II, Abb. 66, aus zerstreuten Bildern von Menschen und Tieren, zwischen denen kein Zusammenhang erkennbar ist. An den Menschenbildern sind keine Einzelheiten, wie z. B. Kleider abgebildet, sie erscheinen im Gegenteil als steife nackte Wesen, und die Tierbilder weisen selten Artabzeichen auf. Eine Ausnahme bildet eine auf der linken Seite der Gruppe VIII befindliche Szene, Abb. 71, die ohne Zweifel einen Kampf zwischen drei (vier?) Reitern einerseits und 4 zum Teil mit Bogen bewaffneten zu Fuss kämpfenden Kriegern andererseits darstellt und ein wenn auch primitives künstlerisches Kompositionsvermögen verrät, Auch die Gruppe IV dürfte als eine Kampfszene aufgefasst werden. Die künstlerischen Bilder dagegen sind realistische Darstellungen verschiedenartiger Tiere in lebhafter Bewegung, zeigen Tierkämpfe und Jagdzüge; Panzerhemd, Helm, Bogen, Köcher und Pfeil, Pferdegeschirr und :schmuck sind genau abgebildet. Da viele Einzelheiten so genau dargestellt sind, dass sie offenbar ethnographische Besonderheiten wiedergeben sollen, diese aber andererseits auf Abb. 77 nicht deutlich genug gezeichnet werden konnten, habe ich nach den auf Löschpapier übertragenen Abklatschbildern getreue Zeichnungen in grösserem Format herstellen lassen. Wenn wir der leichteren Orientierung halber die innerhalb der Gruppe I auf der Pisannaja-Gorá bemerkbaren grossen horizontalen Felsspalten als Grenzen zwischen den verschiedenen Bilderserien betrachten, so können wir von drei Zonen, nämlich der unteren, der mittleren und der oberen Zone sprechen. Bei einer Musterung der Bildertafel 77 bemerken wir leicht, dass die unten aufgezählten vorgeschichtliches Kulturleben darstellenden Spezialbilder folgenden Zonen entnommen sind. 1) Aus der untersten Zone. Links: der nach vorne schiessende Reiter nebst einem Pfeil in den Lenden eines gehörnten Tieres, Abb. 78; der rückwärts schiessende Reiter nebst einem Pfeil im Halse desselben Tieres, Abb. 79; der über ihnen befindliche in Helm und Panzerhemd gekleidete Reiter, Abb. 80. In der Mitte derselben Zone neben dem russischen Kreuz: der mit Helm und Panzerhemd angetane Reiter, der eine mit Fähnchen versehene Lanze vor sich hält, Abb. 81, und ein anderer Reiter, dessen Pferd in bemerkenswerter Weise geschmückt ist, Abb. 82, sowie, nahe der Felsspalte, der knieende Bogenschütze, Abb. 83. 2) Aus der mittleren Zone. In der Mitte: zwei Kamele, zwischen welchen sich ein zweirädriges Fuhrwerk befindet, auf welchem eine vollständig überdachte viereckige Hütte steht; auf der dem Betrachter zugewandten rechten Seite des Häuschens ist eine viereckige Fensteröffnung und auf der Rückseite offenbar eine ebensolche. Vom Rücken des hinteren Kamels hängt zwischen den Buckeln eine mit gerundeten Ecken und Borte versehene Satteldecke herab von derselben Art, wie wir sie auf Pferden dargestellt sehen. Da diese kleine interessante Spezialgruppe wegen der drei auf dieselbe Stelle gezeichneten Tierbilder in Abb. 77 nicht deutlich genug hervortritt, habe ich sie ohne die störende Umgebung für sich abgebildet, Abb. 84. Vor dem vorderen Kamele befinden sich in den Felsen eingeritzte feine vertikale verzweigte Striche, welche, verglichen mit einer ähnlichen Darstellung bei einem galoppierenden Hirch auf der obersten Zone, Bäume vorstellen dürften und demnach vielleicht andeuten sollten, dass die Kamele durch einen Wald schreiten. — Von hier ein wenig nach rechts ist ein knieender Bogenschütze im Begriff einen Pfeil gegen ein vor ihm stehendes Tier abzuschiessen, in dessen Halse schon vorher ein Pfeil steckt, Abb. 85. — Am weitesten nach rechts der Reiter Abb. 86, 3) Die Reiterbilder der obersten Zone bieten weder in Bezug auf die Menschen noch auf die Ausstattung der Pferde irgendwelche Einzelheiten dar, welche die soeben erwähnten Spezialbilder nicht bereits enthalten hätten, so dass sich eine vergrösserte Wiedergabe derselben hier erübrigt. Die künstlerisch ausgeführten lebhaften Jagdszenen kommen auf Abb. 77 hinreichend deutlich zur Geltung. Auf der jetzt behandelten Felswand befinden sich auch Inschriften, die bereits in dem Werke »Inscriptions de l’Iénissei», XXXII Kara-Ious, Souliek, veröffentlicht worden sind. Da ich aber bei einem Vergleich dieser Abbildungen mit den Abklatschen bemerkt habe, dass auf jenen einige Buchstaben fehlen und andere Buchstaben wieder eine von denen auf den Abklatschen abweichende Form haben, habe ich von ihnen nach den Abklatschen neue Zeichnungen hergestellt. In der Mitte der untersten Zone ist eine kleine ziemlich deutliche obgleich mit dünnen Strichen eingeritzte Inschrift (Inscr. XXXII: 69—73) zu sehen, Abb. 87. Auf dem oberen Teil der mittleren Zone sind die kräftig eingeritzten Bilder zweier kämpfenden Kamele sowie schwächer gezeichnete Bilder zu sehen und ober: und unterhalb derselben eine Inschrift (Inscr. XXXII: 25—67), welche durch früher auf dieselbe Stelle gezogene Striche stellenweise undeutlich geworden ist. Hier sei bemerkt, dass ich an zweifelhaften Stellen der Vollständigkeit halber alle Striche, welche auf dem Abklatsch an einem Buchstaben vorkommen, wiedergegeben habe, Abb. 88. In der Mitte der obersten Zone befinden sich in der Nähe der grossen Felsspalte zerstreute Buchstaben (Inscr. XXXII: 18—24) und rechts von der Jagdszene auch eine undeutliche Inschrift, von denen keine Abklatsche vorhanden sind, infolgedessen sie nur nach Abb. 77 studiert werden können. — Auf derselben Zone ist neben zwei einander anschreienden. Kamelen eine Inschrift (Inser. XXXII: 8—17), die ich nach dem Abklatsch hier abbilde, Abb. 89. — Zu oberst auf dieser Felswand befindet sich eine Inschrift mit 10 cm hohen Buchstaben (Inscr. XXXII: 1—7). Diese sind mit sehr dünnen Strichen eingeritzt, aber auf dem Übersichtsbilde Abb. 77 dennoch deutlich genug zu erkennen. — Auch die am weitesten links auf der mittleren Zone befindliche grosse Inschrift (Inscr. XXXII: 37—43) ist auf Abb. 77 so deutlich, dass sie keine besondere Wiedergabe benötigt. Auf dem Berge Soljannaja-Gorá befinden sich ebenfalls sowohl eingehauene als auch eingeritzte Bilder, Abb. 90 a—d zeigt eine Spezialgruppe der ersteren Art. Die Figuren befinden sich in derselben Stellung zueinander wie auf der Felswand und besonders die drei ersten scheinen näher zueinander zu gehören. In dem Bilde einer Frau (a) hat man offenbar versucht eine Gemütsbewegung zum Ausdruck zu bringen, dem Bogenschützen (b) mit den nach vorn und hinten flatternden Rockschössen kann man eine gewisse männliche Haltung nicht absprechen, und in dem Reiter ist lebhafte Bewegung ausgedrückt, — alles künstlerische Züge, welche, da sie an eingehauenen Bildern vorkommen, diese sich wesentlich von den leblosen eingehauenen Darstellungen der Gruppe II auf der Pisannaja-Gorá unterscheiden lassen. Der Abklatsch einer anderen eingehauenen Mannsfigur, Abb. 91, ist nach einer Aufzeichnung Aspelins auf demselben Berge gemacht worden. Auf einer anderen Felswand desselben Berges befinden sich zumeist eingeritzte Bilder, Abb. 92. Von diesen ist die bemerkenswerteste Gruppe, die auch Aspelin erwähnt, in Abb. 93 besonders wiedergegeben. Hier ist die Ausrüstung eines Mannes ungewöhnlich vollständig abgebildet: Helm, Panzerhemd, Stiefel, Axt (?), Bogen, Köcher und eine Lanze mit Fähnchen; beachtenswert ist auch das Pferdegeschirr mit Sattel, Satteldecke, Trense und Schmuck. Der Köcher (?) des vor dem Reiter knieenden Bogenschützen hat eine andere Form als die sonst auf den Felsenbildern vorkommenden Köcher. — Ich habe nach dem Abklatsch auch eine hinter dem Pferde mit dünnen Strichen gezeichnete Figur abgebildet, die wahrscheinlich als Teil eines ursprünglich hierher zu zeichnenden Bildes gedacht war und mit einem solchen gitterartigen Sattelkranz vergleichbar ist, wie die an den Reiterfiguren auf einem Felsen des Argoaberges (ungef. 8 W. von Podkamen), die auf der dritten Reise abgebildet wurden. Von Bedeutung für das relative Alter der Bilder ist der Umstand, dass die seltenen grob eingehauenen Bilder, die in der Gruppe I, Abb. 77, auftreten, vor allem die »lampenförmige» Figur, (welche auch in Gruppe II, Abb. 66 oben rechts zu sehen ist), am weitesten rechts und links auf den Rändern jener grossen Bildertafel angebracht sind, offenbar aus dem Grunde, weil wegen der zahlreichen eingeritzten Bilder anderswo kein Platz mehr übrig war. Beachtenswert ist auch, dass die beiden auf der linken Seite vorkommenden »Lampen» über eine halbfertige Tierfigur eingehackt sind, ein Umstand, der ebenfalls darauf deutet, dass die gezeichneten und eingeritzten Bilder älter als die eingehackten sind. Das Kreuz und der Kreis, welche links auf der mittleren Zone zu sehen sind, sowie das Andreaskreuz mitten auf der untersten Zone sind offenbar russischer Herkunft. Auch die eingeritzten Bilder können nicht alle gleichaltrig sein; wenigstens scheinen sie von verschiedenen Künstlern herzurühren. Dies lässt sich u. a. daraus ersehen, dass der Künstler z. B. beim Zeichnen des in Abb. 84 dargestellten linken Kamels die Vorderfüsse eines schon vorher dort befindlichen Hirschbildes nicht hat verderben wollen und deswegen den die Flanke des Kamels begrenzenden Strich an dieser Stelle unterbrochen hat um ihn auf der anderen Seite der Füsse weiterzuziehen, (vgl. Abb. 77). Auf dasselbe Verfahren beim Entwurf gewisser Inschriften und Bilder macht Aspelin Inscriptions de l’Iénissei, S. 14 aufmerksam. In diesem Zusammenhang verdient es auch Beachtung, dass die Inschriften auf dem oberen Teile der mittleren Zone oberhalb und unterhalb der kämpfenden Kamele eingeritzt sind, also die Bildgruppe umgeben, was darauf deutet, dass diese bereits vorhanden war, als die Inschriften gemacht wurden. Dass aber ein längerer Zeitraum zwischen ihnen und den Bildern liegen müsste, braucht nicht aus jenen Umständen gefolgert zu werden, da derselbe Künstler ja zuerst das Bild und darauf ohne dieses zu beschädigen die Inschriften hergestellt haben kann. Verschiedene Künstlernaturen geben sich aber mit voller Deutlichkeit zu erkennen einerseits in der Darstellung der ruhigen Stellungen der Reiter auf der Unterzone, andererseits in der lebhaften Schilderung der Jäger auf der Oberzone. Noch mehr als die ersteren erinnern diese an die sassanidischen Darstellungen (vrgl. Восточное Серебро Taf. XXIX—XXXII). Inwiefern die auf den Felsen befindlichen Inschriften das Alter der Figuren oder die Nationalität der Künstler beleuchten können, dürfte noch ungewiss sein. Vorläufig sind nur die beiden obersten grossen Inschriften, die miteinander identisch sind, mit Sicherheit gedeutet worden. Sie sind alttürkisch und lauten nach Professor G. John Ramstedts Lesung: mäƞkü qaja, d. i. »der ewige Felsen»; in obiger Hinsicht kann ihnen also keine grosse Bedeutung zuerkannt werden. In Betreff der Tierarten der Bildergruppen sieh Professor K. M. Levanders Bemerkungen in dieser Arbeit.