Am 30 August machte ich mich mit meinem Dolmetscher von Beiskoje aus auf den Weg. Zuerst fuhren wir den Beifluss stromabwärts zu einem auf dem rechten oder östlichen Ufer des Flusses sich erhebenden Schoki benannten Berge, auf welchem eine altertümliche Inschrift sich befinden soll und welcher deshalb auch Pisannitsaberg heisst. Hier sind auf eine unebene senkrechte Bergwand mit roter Farbe, ausser russischen Buchstaben, hausmarkenähnliche Figuren gemalt, von welchen ich einige Proben abzeichnete, Abb. 251. In dieser Gegend suchte ich auch nach einem Bild- oder Inschriftstein, der, laut Angabe, etwa 15 Werst von der Salzsiederei Beiskoje (in der Nähe des Utiflusses) nach Abakan zu und 25 Faden vom Wege neben einem Kurgan stehen sollte. Die Fabrik befindet sich auf der Talsohle an einem Salzsee und ist von niedrigen Höhen umgeben, von denen eine sich vom Beiflusse 20-30 Werst nach Südwest erstreckt. Auf der Steppe zwischen den Bergen und dem Abakan fanden sich hier und da kleine Gräbergruppen mit Steinpfeilern, jedoch keine Kurgane. Ich besichtigte hier die Steine ohne eine Inschrift finden zu können. Der Leiter der Fabrik, Herr Domascheffsky, erzählte, dass Martianow ihn brieflich nach Inschriftsteinen in dieser Gegend gefragt hätte, dass er, Domascheffsky, aber von solchen nichts wüsste, obgleich er 9 Jahre hier gewohnt hätte. Wenn man den von Askys' Saimka (ungefähr 15 Werst westlich von der Salzsiederei) nach Beiskoje führenden Weg verfolgt, ersteigt man den oben genannten Berg. Vorher gelangt man zu einer Gruppe auf beiden Seiten des Weges liegender mit Steinen umsäumter Gräber und zu einer Reihe Steinpfeiler, welche ich mit demselben negativen Resultat wie die oben erwähnten musterte. — Auf dem Berge selbst, 3—4 Werst von Saimka und ungef. 1 Werst rechts oder westlich vom Wege öffnet sich ein ebenes steppenähnliches Gelände, auf welchem ich einige von Randsteinen umgebene Gräber antraf. Von ihnen seien folgende beschrieben: Von dem am Grabe I, Abb. 252, stehenden Steinpfeiler zeichnete ich einige schlecht ausgeführte Tierbilder ab, Abb. 253. — Auf einem länglichen und niedrigen Randstein, b, desselben Grabes war eine sehr interessante, wenn auch plump eingehackte Bildergruppe, die offenbar eine Opferszene darstellt, Abb. 254. Äusserst zur Rechten sieht man 9 runde schalenförmige Grübchen, die offenbar einen ebensolchen Opferfelsen vorstellen sollen wie der auf dem Kanabaseberg (Abb. 250). Dann folgen zwei Männer und hinter ihnen je ein vierfüssiges (Opfer)tier. Der eine Mann ist mit einem langen schleppenden Gewand angetan, das die Priestertracht auf den Steinen von Podkamen in Erinnerung bringt (Abb. 100 u. Abb. 102). Oberhalb des einen Tieres ist ein unregelmässiger Rahmen, der ein grösseres und zwei kleinere Grübchen, die wahrscheinlich ebenfalls einen Opferfelsen andeuten, umschliesst. Am weitesten links stehen fünf Menschen: das Opfergefolge, Die Bildergruppe ist in die äussere oder nordwestliche Breitseite des Steines eingehackt Grab II. An der Nordostecke dieses Grabes, Abb. 255, befand sich ein Steinpfeiler in beinahe liegender Stellung; auf der dem Boden zugekehrten Seite seiner Spitze konnte ich jedoch noch das Bild eines Tieres und zwei Spiralen u.a.m. sehen, Abb. 256. Was für Bilder weiter unten noch sein konnten, liess sich nicht feststellen, da der Stein zu gross war um von uns umgewendet werden zu können. Grab III. Dieser niedrige Kurgan oder Erdhügel, Abb. 257, war noch von 6 Steinpfeilern umgeben; auf dem ebenen Scheitel des an der Nordwestecke stehenden Pfeilers waren schalenförmige Opfergrubchen, Abb. 258. Grab IV war ein aus Erde und Steinscheiben autgeworfener Hügel, um welchen 8 Steinpfeiler standen, Abb. 259, von denen zwei im Gegensatz zur Regel mit den Breitseiten vom SO nach NW aufgestellt waren. Grab V. Ein Erdhügel, von 6 Steinpfeilern umgeben; auch von diesen waren zwei mit den Breitseiten von SO nach NW gerichtet, Abb. 260. Von den letzteren hatte Stein a auf der nördlichen Schmalseite ein Opfergrübchen und darüber zwei Vogelfiguren, von denne die eine beinahe 1 cm tief eingehackt war, Abb. 261. Von hier fuhr ich über Askys in nördlicher Richtung zu den Tälern der Flüsse Syr und Usunschul. Die erste Station war der am Südufer des Syr belegene Uluss Morosowa, der 25 oder 50 Werst von Askys liegen soll. Abb. 262 gibt einen Begriff von dieser öden, baumlosen Steppenlandschaft. 3—4 Werst südöstlich von Morosowa befanden sich am Fusse eines Berges einige von Steinpfeilern umgebene Grabhügel. An einem der Gräber standen 6 Pfeiler (der an der Südecke stehende ist in der Zeichnung weggelassen worden), alle SW-NO orientiert, Abb. 263. Zwei Steine, a und b, zeichnete ich ab. Stein a war eine schöne im Querschnitt rechteckige Platte mit glatter Oberfläche, Abb. 264. Auf seiner südwestlichen Schmalseite waren sehr feine quer über den Stein gezogene Striche, von denen wenigstens 6 Zeichen der von uns gesuchten Runenschrift waren. — Der zweite Stein (b) war ungef. 2 m hoch und 1,20 m breit. Abb. 265 zeigt den unteren Teil seiner nordwestlichen Breitseite. Die hier vorkommenden Darstellungen wichen sowohl in Bezug auf das Thema wie auch in technischer Hinsicht von den gewöhnlichen Bildern ab. Hier sind 3 mit vier, beziehungsweise fünf Krallen an jeder Tatze ausgestattete Raubtiere sowie ein Hund (?) und ein Fisch (?) dargestellte. Von den Raubtieren hat eines einen Schwanz, die anderen entbehren desselben, aber nach der Form ihrer Körper zu urteilen liegt es am nächsten an Löwen zu denken. Was die Technik anbetrifft, ist das oberste und das unterste Tier mit eingehackten Umrisslinien dargestellt; der Körper des mittelsten Tieres ist dagegen ungefähr 4 mm tiefer als die sonstige Oberfläche eingehackt worden, so jedoch, dass Spiralen und andere krumme Linien erhaben gelassen worden sind. Die ganze Länge des Tieres beträgt 2/7 cm; Abb. 266. Unter dem Bauch dieses Tieres sieht man in flacherer Vertiefung eine Figur, die ebenfalls an einen Vierfüssler erinnert, jedoch unvollendet sein dürfte. Die ganzen Körperflächen des »Fisches» und des »Hundes» sind vertieft. Wenn man von hier ungef. 2 Werst oder von Morosowa 5 Werst weiter nach SO fährt, gelangt man auf eine schmalere zwischen Bergen belegene Steppe, auf der zu beiden Seiten des Weges von Steinpfeilern und Randplatten umsäumte Gräber liegen. An dem Grabe Abb. 267 waren zwei niedrige Randsteine, a u. b, mit Bildern geschmückt; von diesen kopierte ich nur den ersteren, Abb. 268. Auf der östlichen Breitseite desselben ist, ausser ganzen und halbfertigen Tierbildern und Teilen von solchen, in künstlerischer Ausführung ein Raubtier offenbar derselben Art wie die auf dem obenbeschriebenen Steine dargestellt. Das Tier hat einen langen Schwanz und an jeder Tatze 4 Krallen. Die Körperfläche ist nicht vertieft, sondern von ornamentalen halbrunden vertieften Linien bedeckt. Das Grab Abb. 269 hat keinen Hügel; es ist von 10 Steinpfeilern umgeben. Einer derselben, a, ist in Abb. 270 dargestellt. Auf seiner südöstlichen Breitseite befindet sich ein eingehacktes primitives Bild, das offenbar einen Mann vorstellt, dessen Oberkörper von einem runden Schild verdeckt ist und der in der linken (?) Hand eine axt-(?)artige Waffe schwingt. Auf der südwestlichen Schmalseite des Steines b war eine Zeile Schriftzeichen, die unter dem Grundtriss in Abb. 271 wiedergegeben sind. Abb. 272 zeigt ein Grab ohne Hügel nebst einem bei a stehenden Eckstein, in dessen östliches Ende ein gehörntes Tier und eine plump ausgeführte Menschenfigur eingehackt sind, Abb. 273. Auf Abb. 274 ist ein von Steinpfeilern und Randsteinen umsäumter niedriger Erdhügel dargestellt, und auf Abb. 275 die nördliche Breitseite des Steines a. Die ganze Fläche dieser Seite ist durch zwei tiefe und breite senkrechte Linien und eine sie verbindende wagrechte Linie, über und unter welcher plump ausgeführte Menschenfiguren zu sehen sind, in grössere Flächen geteilt. Die ausserhalb der senkrechten Linien sichtbaren Verzweigungen erinnern an die Strahlen, die auf einigen Steinen von den Wangen der Masken auslaufen, vrgl. z. B. Abb. 144, Abb. 145, Abb. 152, Abb. 255. Das Perspektivbild Abb. 276 zeigt ein typisches kleines Grab aus dieser Steppe. Auf seinem nordöstlichen Eckstein ist die Umrisszeichnung eines Hirsches u.a.m. Abb. 278 zeigt den Stein a von dem Grabe auf dem Grundriss Abb. 277. Auf der südlichen Breitseite des Steines sind Tierbilder, eine Spirale und das oft vorkommendes Schriftzeichen das doppelte ɛ, vrgl. z. B. Abb. 198, Abb. 200 und Abb. 202. Das Grab Abb. 279 ist ein aus Erde und Steinen aufgeworfener Hügel mit Steinpfeilern und Randsteinen. Auf der nördlichen Breitseite des Steines a ist das Bild eines Hirsches, dessen Schenkelansätze durch Spiralen bezeichnet sind, Abb. 280. Das Grab Abb. 281 hat keinen Hügel; von seinem mit a bezeichneten Stein sind die in Abb. 282 wiedergegebenen Tierbilder abgezeichnet. Nachdem wir die grosse Gräbergruppe auf dem nördlichen Ufer des Syr passiert hatten, ohne dass ich etwas zum Abzeichnen gefunden hätte, bestiegen wir einen Berg, auf welchem sich ein Hochebene ausbreitete; die Entfernung dieser Stelle von Morosowa nach Osten zu wurde auf 3 bis 5 Werst geschätzt. Auch hier befanden sich einige Gräber; von einem Steinpfeiler zeichnete ich ein von oben nach unten gekehrtes teilweise stilisiertes Bild eines Pferdes (?) oder richtiger nur des mit drei Beinen versehenen Hinterteiles eines solchen ab; Abb. 285. Sein Platz auf dem Steine zeigt, dass der Künstler das Bild eingehackt hat, als der Stein noch am Boden lag, und dass man dann den Stein aus Versehen verkehrt aufgerichtet hat. Aus Morosowa fuhren wir zuerst nach Westen, wobei wir am Ufer des Syr wohl Steinpfeiler, aber keine Inschriften fanden. Dann setzten wir unsere Fahrt in nördlicher Richtung über das am Usunschulflusse liegende Kusnetsowa (2 Werst westlich von der Goldwäscherei Bartaschowa) zum Ulus Terenti (»Terenti stans») am oberen Laufe des Kamyschtáflusses fort. Ein paar hundert Schritt sudlich von dieser Station steht auf der Steppe ein einzelner, ungef. 2,70 m hoher Stein, rings um welchen der Boden etwas eingesunken ist, Abb. 284. Am unteren Teile des Steines befindet sich etwas über dem Erdboden ein Reliefgesicht, von welchem ein den Mund darstellen sollender Strich, Tätowierstreifen, 5 »Augen» sowie zwei Halbkreise, die nach den Seiten fortgesetzt wohl Hörner vorstellen sollen, zu sehen sind. Von der Stirn erheben sich bis zum Scheitel des Steines 3 Wellenlinien, an deren unterem Teil ornamentale Kreise sichtbar sind, die vielleicht einen Schlangenkopf andeuten (?). Von den Bögen der Wellenlinien zweigen sich nach rechts und links ebensolche Strahlen oder Füsse ab, wie wir sie an der Schlange und den grossen Kreisen auf dem Tschamaker Widderstein gesehen haben, Abb. 152 (vrgl. Abb. 145, Abb. 157 u.a.) Von Terenti fuhr ich nach dem am Zusammenfluss des Uibat und des Ninja belegenen Uluss Kobilkowa. Unterwegs betrachtete ich die auf dem Berge Ulgulutach befindlichen Felsenzeichnungen, von denen schon auf $. die Rede gewesen ist. Den Rückweg nahm ich über Trajakowa nach Minussinsk, wo ich am 4 September anlangte.