DIE ZWEITE REISE IM JAHRE 1888.


 Prof. Aspelins Begleiter war diesmal der Student und Kunstmaler Kaarlo Wuori der die Reise als Zeichner mitmachte. Am 13. Juni 1888 verliessen die beiden Forscher Helsingfors. Nach der Ankunft in Tomsk ging die Fahrt in südlicher Richtung nach Barnaul. Dann setzt Aspelin folgendermassen fort:

  Brief II U. S. 7 IX. 1888. N:o 109.
     Dorf Ongudai, 19 Juli 1888.


 — — — Montag den 9 Juli um 8 Uhr morgens traten wir die Reise nach Barnaul an und gelangten Mittwoch früh um 5 Uhr dorthin. — — —.

 Oberhalb Barnauls münden zwei Nebenflüsse Alei und Tscharysch in den Ob. Unweit des linken Ufers des Tscharysch und eines Baches namens Poperetschnaja hatte Spassky am Anfang des Jahrhunderts eine Inschrift mit ungefähr 60 Schriftzeichen und rechts von ihr das Bild eines Pferdes ohne Schwanz oder eines Elentieres ohne Geweih gefunden. In der Nähe des nach Semipalatinsk führenden Weges nähert sich die Poperetschnaja, ein Nebenfluss des Alei, dem Tscharysch. Diesen Weg schlugen wir am 13. Juli ein, und erreichten am folgenden Tage früh morgens die Station Bjäloglasowa (144 Werst) an der Mündung der Poperetschnaja. Bei der folgenden Station, Kalmitschkie Mysi, (34 W.) entfernen sich die Flüsse wieder voneinander. Diese ganze Strecke ist eine kahle flache Steppe, auf welcher nur einige wenige Grabhügel vorkommen. zusatz 32) Felsen finden sich nirgends und die Entfernung zwischen den Flüssen beträgt mindestens 12 Werst. Bei der letztgenannten Station beschloss ich deshalb von dem Semipalatinsker Wege abzubiegen und den Tscharysch aufwärts in östlicher Richtung zum Altaigebirge zu fahren. Von dort an wurde die Gegend immer bergiger, aber die ersten Berge, die wir erreichten, bestanden aus so hartem und körnigem Gestein, dass wir nicht hoffen durften hier Bilder zu finden. Als ich mich in den Dörfern nach Felsenzeichnungen und den Namen der Bäche erkundigte, erfuhr ich, dass bei dem Dorfe Kedrala am oberen Laufe des Flusses Felsenzeichnungen zu finden wären. — — —

 Endlich erreichten wir Kedrala, das letzte russische Dorf an den Quellen des Tscharysch. In der Nähe befinden sich in der Tat neben dem Wege zum Teil alte in den Felsen eingehauene Bilder von Steinböcken u. a. Tieren, aber keine Inschriften. zusatz 32a Ich zeigte den Dorfleuten Proben von Schriftzeichen und versprach jedem Finder von solchen 3 Rubel, aber ohne Erfolg. Voriges Jahr hatte man zwecks Verstärkung des Weges gegen Überschwemmungen aus dem Felsen Steine gebrochen, man erinnerte sich aber nicht dabei Inschriften gesehen zu haben. Die von Spassky veröffentlichte Inschrift ist somit noch nicht wieder gefunden worden, — ein Beweis dafür, wie wichtig es ist, den Fundort genau anzugeben. Vielleicht könnte sie noch durch Massnahmen der Regierung ausfindig gemacht werden; die Kaiserl. Archäologische Komission soll ja augenblicklich hier mit Unterstützung massgebender Beamten ein Verzeichnis der auch am Tscharyschflusse vorkommenden Grabhügel (buugri) aufstellen lassen. Die meisten sind zur Zeit der grossen Grabplünderungen in der Mitte geöffnet worden und Steinpfeiler habe ich an keinem einzigen Grabe wahrgenommen. Bronzene Gegenstände, von denen ich nur sehr wenige habe kaufen können, soll man jedoch in ihnen gefunden haben, und 10 Werst von dem Kosakendorf Tulatinka hat man, wie ein Schmied erzählte, in einem Grabhügel einen grossen «tschudischen Samowar» (Kessel) gefunden. — — — Dieses Gefäss hatte der Wolostschreiber bekommen. — — —

 Weitere 20 Werst von Kedrala stromaufwärts lag am Tscharysch neben einer Kalmückenniederlassung eine russische Missionsstation mit Kirche — der sauberste Wohnsitz, den ich in Sibirien gesehen habe. — — — Bis hierher waren wir, nachdem wir den Semipalatinsker Weg verlassan hatten, dem Tscharyschfluss im Gebirge 248 Werst gefolgt. Jetzt hatten wir noch drei lange Wegstrecken (30, 50 und 60 Werst) durch ein Kalmückengebiet nach Ongudai zurückzulegen. — — —

 Nach Ongudai, das in einem von hohen Bergen umgebenen Tale am Ufer des Urusul liegt, gelangten wir den 19. Juli um 5 Uhr morgens.

 Die Erde war mit Tau bedeckt wie im Herbst. Ein Kaufmann Habarow begibt sich am 21. Juli nach dem Dorfe Ulagan am Baschkaus, dem westlichsten von den Flüssen die nach ihrer Vereinigung in den Teletskojesee münden. Bis dorthin sind es 200 Werst. Der Starost bot mir auf Befehl des Gouverneurs unentgeltlich einen Dolmetscher bis zur Mongolei an, denn weiter östlich könnte ich keinen mehr bekommen. Dann brauchte ich sechs Pferde, 2 für den Transport des Gepäcks und des Proviantes, 4 für den Pferdebesitzer, den Dolmetscher und uns beide. Bis nach Ulagan verlangt man für 6 Pferde 25 Rubel; ich erfuhr jedoch soeben, dass auf dieser Strecke sich 4 reguläre Poststationen befinden, und wenn ich auf ihnen Pferde wechsele, komme ich mit 15 Rubeln aus. Von Ulagan sollen es noch 100 Werst zur Grenze und zu den Quellen des Kemtschikflusses sein. Dieser Fluss ist ungefähr 200 Werst lang und an seinem mittleren Laufe befinden sich der Handelsplatz des Minussinsker Kaufmannes Bjakow und der Kajabaschifelsen mit seinen Inschriften. Die anderen Inschriftsteine befinden sich am Jenissei, etwas oberhalb der Mündung des Kemtschikflusses, in der Nähe von Safıanows Handelsplatz. An beide Handelsplätze hat mir Martianow Empfehlungsschreiben zu geben versprochen, auch will er mir nähere Angaben über die Inschriftssteine verschaffen. Vor uns liegt somit ein Ritt von 500 Werst. J. R. A.

 Brief III U.S. 22. IX: 1888, N:o 222.
     Minussinsk, den 20 August 1888.

 — — — Nachdem ich am 19 Juli aus Ongudai meinen vorigen Brief abgesandt hatte, begab ich mich am Abend zum Pfarrer, um mich nach dem für die Reise erforderlichen Zeit zu erkundigen und ihm meinen Empfehlungsbrief von dem Bischof von Biisk zu übergeben, der sich auf einer Reise nach der Südgrenze des Gouvernements im Buchtarmägebiet befand. Der alte Kalmückenpriester Mikael Wasiljev Tschewalkow, der keinen Schulunterricht genossen hatte, hat für Herrn Radloff viele Sagen gesammelt und Verzeichnisse von Wurzelwörtern der dortigen Sprachen aufgestellt, u.a. aus dem Dialekt der Kumandintzen. Dank dem Beistand seines jüngeren, kürzlich heimgekehrten Hilfspredigers erhielt ich wichtige Auskünfte über die Tschudengräber und andere Altertümer im Altaigebirge: Die meisten Gräber in dieser Berggegend sind Steinhügel, von denen aus oft ein von zwei Reihen niedriger Steinpfeiler eingefasster Gang dem Sonnenaufgang zu ausläuft; diesen Weg ist die Seele zum Licht gegangen. Aber oft steht ausserdem neben dem Steinhügel eine hohe Steinsäule, entweder ein unbearbeiteter Steinpfeiler oder das skulptierte Steinbild eines Mannes oder einer Frau. Solcher Bildsteine gibt es im Altai an tausend; auch am Tscharysch kommen sie neben den Steinhügelgräbern häufig vor. Hinter dem Dorf Tujechtá am Urusul, 23 Werst von Ongudai, war ich selbst, ohne es zu wissen, in der Nacht an vielen Steinhügelgräbern und an zwei Bildsteinen vorübergefahren; 5—6 Werst unterhalb Ongudai sollte ich auch rechts von der Brücke bei Uletinsk ein hohes Steindenkmal sehen (es war ein unbearbeiteter Steinpfeiler). Kurgane und Steindenkmäler kommen im Altaigebirge bis zum Ulala häufig vor, und hinter diesem finden sich auf der Steppe ein paar vorgeschichtliche Burgwälle, einer am Manschaflusse und zwei bei der Fähre über den Ischim, die von Wällen und Gräben umgeben sind. Auch eingehackte Tierbilder findet man im Altai an vielen Stellen, so z.B. an dem Felsen «Pitschiktú-kajá» bei der Mündung des Tschuja, eines Nebenflusses des Katunja wo viele Bilder von Pferden, Hirschen, Ziegen, Schafen u. s. w. zu sehen sind. Einen Kupferkessel ohne Fuss, der am Tschodra einem Nebenfluss des Tschulyschman, gefunden worden war, hatte der Alte durch die Behörden nach Petersburg geschickt, denn vor 3 Jahren hatte auch die Geistlichkeit durch ein Rundschreiben den Befehl erhalten, Altertumsfunde an die Archäologische Komission zu schicken. Zurzeit fahndete der Alte auf einen grossen, eine Elle hohen kelchartigen Kupferbecher, der an der Mündung des Aigulak in den Tschuja gefunden worden war. Grabuntersuchungen soll hier, speziell am Katunjafluss, niemand ausser Radloff vorgenommen haben.

 Da ich hörte, dass die Reise zum Baschkaus mit Postpferden ungefähr 2 Tage länger dauern würde und dass ich dann nicht mit dem Kaufmann Habarow, der einen kürzeren Weg nehmen wollte, dorthin reisen könnte, dass ausserdem der Starost und die beiden «Kandidaten» (Vizestarosten) sich schon zwei Tage lang dem Trunke hingegeben hätten ohne mit dem mir bei den Kalmücken unentbehrlichen Dolmetscher irgend welche Übereinkunft getroffen zu haben, dass endlich der am Baschkaus wohnhafte Schreiber verpflichtet wäre, mir einen Dolmetscher für die Reise zum Kemtschik zu verschaffen, entschloss ich mich 6 Pferde direkt zum Baschkaus zu mieten. — — — So setzte sich unsere Karawane, die 14 Pferde zählte, am 21 Juli um ½ 11 Uhr vormittags in Bewegung. Die Reise in Gesellschaft Habarows war auch deswegen vorteilhaft, weil er sich in Ongudai ein Zelt geliehen hatte, während ich mir ein solches nicht hatte verschaffen können. — — —

 Der Weg führte zuerst längs dem Ufer des Urusul, dann über einen hohen Berg zum Ulgumen, und weiter zu der Korketschunsker Fähre über den Katunja, 36 Werst von Ongudai. Der Katunja ist ein reissender Strom, der 15 Werst in der Stunde fliesst, und keine Furten hat.

 Nachdem wir ungefähr 7 Werst am östlichen Ufer des Katunja stromaufwärts geritten waren, bogen wir in östlicher Richtung in das Tal des Saljar ab und erstiegen nach einer neuen Schwenkung einen hohen Berg; die Wolken liessen uns hier nichts als die schwindelnde Tiefe sehen, aus der sich die Pferde ohne Rast keuchend emporgearbeitet hatten. Nachdem wir dann wieder bergab gestiegen waren, folgten wir dem Jailagus, einem Nebenfluss des Katunja eine Strecke stromaufwärts und gelangten über zwei Berge in das Tal des Tschulyntasch, dessen Wasser durch den Kodrin in den Katunja fliesst. Von dem ersten Berge (Jailaguskijperewal) hatten wir eine prachtvolle Aussicht über den Altai. — — —

 — — — Nachdem wir über noch einen Berg gestiegen waren, kamen wir zum Karagudjur, der aus dem Schörlukulsee entspringt und in den Baschkaus fliesst; von der Mündung des Karagudjur ritten wir etwa 4 Werst das Baschkaustal hinauf und erreichten schliesslich am vierten Tage gegen Abend den Handelsplatz Habarows.

 Steinhügelgräber trafen wir in ziemlicher Anzahl an den von Steppen umsäumten Ufern der Flüsse an. Auf einer hoch gelegenen Steppe am Ulugumen, nicht weit von einem Orte namens Nausku-Wseken, ungefähr 30 Werst von Ongudai, zeichnete Wuorı eine hohe Steinfigur ab, neben welcher ein niedriger Steinpfeiler stand; ein deutliches Grab war aber hier nicht zu entdecken. Das verwitterte Gesicht des Steinbildes war nach Nordwesten gerichtet. Auf der grasbewachsenen Steppe stand nahe der Mündung des Köschölú in den Jailagus, auf der östlichen Seite des Flusstales, unsicher im lockern Erdboden, eine niedrige, gut erhaltene Steinfigur mit dem Gesicht nach Nordosten; auf der ganzen Steppe war kein Grab zu sehen. Die lange Kalmückennase des Bildes erregte unsere Aufmerksamkeit. zusatz 33

 In einem fort stiessen wir auf Spuren des Schamanismus der Kalmücken. In einem Gebüsch am Ufer des Ulgumen waren zwei Kuhköpfe sowie Rinderklauen und schmale Lederstreifen auf Zweige aufgehängt; nicht weit davon sah man eine zwischen zwei Bäumen ausgespannte Schnur, von welcher schmale, etwa 30 cm lange, aus verschiedenfarbigen Tüchern herausgerissene oder geschnittene Lappen herabhingen. Ähnliche Lappen hingen auch an einem Baum bei der Fähre über den Katunja, und Habarow behauptete, dass die Kalmücken diesen Fluss als eine Gottheit verehren. Auf den Höhen sahen wir am Wege oft kleine Steinhaufen, in welche man mit Bändern geschmückte dürre Zweige gesteckt hatte, und im Vorüberreiten brach ich von zwei heiligen Lärchen mit Bändern und Rosshaar behängte Zweige ab. — — —

 Am Morgen des 26 Juli ritten wir, von den Kaufleuten, dem Dsaisan (=kalmückischer Starost) und seinem Gefolge begleitet, längs dem östlichen Ufer des Baschkaus talaufwärts.

 Ungefähr 8 Werst oberhalb des Handelplatzes Habarows setzten wir über den Ulagan (kalm. Ulukhan==Grosser Khan), einen Nebenfluss des Baschkaus. Auf der Steppe jenseits dieses Flusses zeigten sich bald Steinhügelgräber in ziemlicher Menge, von denen die meisten augenscheinlich noch nicht untersucht waren. Aufgerichtete Steine sah man selten, einer von ihnen war eine niedrige Steinfigur, die von Wuori abgezeichnet wurde.zusatz 34) Rings um sie lagen auf dem Boden kleinere Steine. Ein zweiter Bildstein soll, wie man uns mitteilte, auf dem Westufer des Flusses ungefähr eine Werst stromabwärts stehen, aber ohne Boot war er nicht zu erreichen. Von da an bekamen wir an den Ufern des Flusses unaufhörlich grössere und kleinere Steinhügelgräber zu sehen; oft erstrecken sich von ihnen gegen Osten mehr oder weniger deutliche Spuren eines jener Pfeilergänge, von denen der Pfarrer in Ongudai gesprochen hatte. Früh am folgenden Morgen ritten wir, vom Baschkaus abbiegend, nordwärts das Muratschiktal hinauf auf schlechten, kaum sichtbaren unwegsamen Pfaden längs Abgründen, über Moore, auf denen nur die im Altai gewöhnliche Zwergbirke von der Höhe des Heidekrauts gedeiht, zogen dann in nordöstlicher Richtung über die Berge, passierten viele Nebenflüsse des Baschkaus, den Atlasch, Kumrulú, Jalbakajaar, klommen zu immer höheren Schneeregionen hinauf und gelangten zu den kalten Quellen des Ob. Nachdem wir einen Nebenfluss des Ob durchwatet hatten, kamen wir über einen Bergrücken an einen kleinen See, in welchen das Schmelzwasser der Gletscher über steile Felsabhänge herabstürzte. — — — Aus diesem See fliesst ein Bach in den grossen Djulgolsee (auf der Karte Dshuwlukul), dessen Wasserspiegel 7,920 russ. Fuss hoch liegt und wo der Schwesterfluss des Baschkaus, der Tschulyschman entspringt. Wir folgten dem Flusstal bis zum Djulgolsee, über dessen sumpfiges Südufer wir lange waten mussten. Die Nächte waren in diesen unbewohnten Regionen so kalt, dass wir in unseren Pelzen schlafen mussten und das Zelttuch sich mit Eis überzog.

 Längs der nördlichen Seite des Sees erstreckt sich der mächtige, gletscherbedeckte Schaptschal, der die Grenze zwischen Russland und China bildet und 10,560 Fuss hoch ist. — — — Hier und dort flatterten auch an den Bergabhängen die Schamanenbänder der Kalmücken und Sojoten. — — —

 Hier entspringt in einem Kesseltal auf der chinesischen Seite der Tschuja, der in den Kemtschik mündet aber noch den grössten Teil seines Laufes zwischen hohen Bergen fliesst. Die Reise von dem Djulgolsee über den Schaptschal hatte 4 ½ Stunden in Anspruch genommen.

    Brief III (Forts). U.S. 23. IX. 88, N:o 223.

 Am folgenden Tage stiegen wir längs den hohen Ufern des Tschuja talabwärts, bis ein Erdrutsch uns diesen kürzeren Weg verlegte und uns zwang links abzubiegen und uns über die Berge zum Kemtschik zu begeben. Wie ein unendliches Panorama erschien uns von der Höhe dieser Berge die Nordwest-Mongolei mit ihren Bergketten und Steppen. — — Die Sojoten waren ausserordentlich neugierig. Schon von ferne riefen sie, dass man auf sie warten solle; dann liefen die Männer oft ganz nackt herbei um zu fragen, was für Leute wir wären und wohin wir reisten. Die Beantwortung überliess ich dem Dolmetscher und fuhr, nachdem ich sie mit einem »nende» begrüsst, weiter, dessen eingedenk, dass ich mich ohne Pass im chinesischen Reiche befand.

 Die gewöhnliche einzige Bekleidung der Männer war eine Hose aus Schaffell, wenn man überhaupt von einer Hose sprechen kann; denn die Hosenbeine bedeckten nur die Oberschenkel und der obere Teil liess beinahe den ganzen Bauch nackt. Der Kopf war ebenfalls unbedeckt und bis zum Wirbel, von welchem ein dünner schwarzer Zopf herabhing, geschoren. Die Haut war so schmutzigbraun, wie ich sie früher nur bei den Bewohnern Ost-Indiens vermutet hätte. Obgleich sie an Flüssen wohnen, konnte ich an Körper und Kleidung nichts entdecken, was an Waschen erinnert hätte. In dieser Beziehung kamen mir die Kalmücken, deren Oberkörper auch oft bis zur Taille nackt war, viel sauberer vor. Wenn der Sojote vollständig angekleidet ist, trägt er einen langen Rock oder Pelz aus Schaffell am blossen Körper, eine aus demselben Stoff verfertigte, mit Ohrlappen und hinten mit roten Bändern versehene Mütze, sowie an die finnische »Pieksut» 35) erinnernde Stiefel, deren Naht mitten im Überzuge ist. Selten sah ich einen Mann mit langem Tuchrock und Hut. Die Krempen dieses Hutes stiegen, sich verbreiternd, schräg in die Höhe, so dass von dem Hutkopf nichts zu sehen war.

 Die Sojoten sind bei den Russen als freche Diebe berüchtigt, so dass ein Reisender zur Nachtzeit sein Pferd niemals ohne Aufsicht zu lassen wagt. An einer Stelle am Wege sah ich zwei aufgerichtete Stöcke, zwischen denen an einem gewebten Band ein aus Wurzeln geflochtener Korb hing. In diesem Korbe hatte man den Kopf eines sojotischen Räubers verwahrt, der mit einem Helfershelfer seiner Räubereien wegen geköpft worden war. — — —

 Nachdem wir aus dem Gebirge herabgestiegen waren, kamen wir rechts von Kemtschik auf eine weite Steppe. Anfangs sahen wir einige noch nicht untersuchte Steinhügelgräber; dann war ein grosser Teil der Steppe durch Kanäle bewässert und urbar gemacht worden, denn die Sojoten haben mit gutem Erfolg begonnen, die alte Kanalisationsmethode der Tschuden anzuwenden und Gerste, Weizen und anderes Getreide zu bauen, das sie als Würze zu ihren Fleischspeisen benutzen, da sie kein Brot essen. Neun Stunden dauerte die Fahrt bis zum anderen Ende der Steppe.

 Wir hatten um 11 Uhr die Quellen des Tschuja durchwatet, dann unsere Pferde auf der wasserlosen Steppe gefüttert. Erst am Abend, als wir den Fuss der jenseitigen Bergkette erreichten, fanden wir ein Rinnsal, in welchem unsere kleine Karawane ihren Durst löschen konnte.

 Eine gewöhnliche Erscheinung des sojotischen Schamanismus sind die s.g. Aboo, an Scheiterhaufen erinnernde, aus dürren Zweigen auf den Gipfeln der Berge errichtete Reisighütten. — — An dem Ende der Steppe fanden wir ein skulptiertes Bild aus Granit (?), um welches ein solches Aboo errichtet war; das Bild war eingefettet und bemalt, und seine Oberfläche von schwarzen Raupen bedeckt. Vor ihm standen ein schmaler, 1 Meter langer Kasten und von Schamanen errichtete mit aufgemalten Ornamenten verzierte kleine zerbrochene Holzgestelle, die einen religiösen Zweck gehabt haben mögen. Das Gesicht des Bildes war gegen Nordosten einem niedrigen Erdhügel zugekehrt, an dessen Fusse es bis zum Gürtel in den Boden vergraben stand.36) Nach dem wir zuletzt über noch einen Berg geritten waren, gelangten wir am 31. Juli gegen Abend an das Ufer des Kemtschik, zu einem Handelsplatz der Gebrüder Safianow, namens Dschirscharek, wo der älteste Bruder, der 40-jährige Gregor Pawlowitsch, unser Bekannter von Minussinsk her, Mitglied der Geographischen Gesellschaft in Petersburg und aufopfernder Helfer aller Gelehrten, die in der Mongolei reisen, einige Stunden vorher angekommen war und wo ein anderer Bruder Jewgeni Pawlowitsch seinen Wohnort hatte.

 Wir fühlten uns jetzt wie zu Hause. Guter Tee, ein warmes Bad und reine Betten liessen uns die ausgestandenen Strapatzen bald vergessen.

 Das Zusammentreffen mit Safianow war uns um so willkommener, als unsere kalmückischen Begleiter sich für berechtigt hielten zurückzukehren, obgleich m. E. die Übereinkunft mit Habarow und dem Dsaisan bis zum Jenissei gelten sollte. Safianow riet uns die Kalmücken fahren zu lassen und versprach uns selbst Pferde zu besorgen. Er hatte dieselbe Reise zu machen wie wir, und kannte viele Inschriftsteine in der Nähe seiner Handelsplätze Tschakul und Soldan welche Orte beide am Jenissei, der erstere 25, der letztere 145 Werst von der Mündung des Kemtschik stromaufwärts gerechnet liegen.

 Unser nächstes Ziel war der Felsen Kajabaschi, unweit (4 W) des Handelsplatzes Bjakow, der 65 Werst unterhalb Dschirscharek liegt, wo wir uns jetzt befanden, und ungefähr 90 Werst stromaufwärts von der Mündung des Kemtschik. Am folgenden Tage sandten wir unser Gepäck mit einem Karren ab, einem in der Mongolei ungewöhnlichen Transportmittel. Wir selbst kamen, von einem Diener Safianows begleitet, am 2. August in Bjakow an. Unterwegs sahen wir einige kleine, von Randsteinen eingefasste Gräber von derselben Form wie im minussinskischen Kreise. Die Gräber sind hier in der Regel niedrige Steinhügel, die gewöhnlich von einem äusseren Steinring umgeben sind. Ich erinnere mich nicht neben ihnen Steinpfeiler gesehen zu haben, doch kommen solche hier und da auf der Steppe, manchmal recht weit von den Grabstätten entfernt vor. Am Nordostende eines von Randsteinen eingefassten Grabes stand eine Steinplatte, in welche ein Gesicht eingehauen war.

 Links vom Jalangatsch, der 11 Werst oberhalb des auf dem rechten Ufer sich erhebenden Kajabaschifelsens in den Kemtschik mündet, standen, ungefähr zwei Meter voneinander entfernt, zwei niedrige, bis zur Taille ziemlich gut gearbeitete Steinfiguren, die eine aus hellem, die andere aus dunklem Granit (?), beide mit einem kannenähnlichen Gefäss in den Händen und das Gesicht nach Nordosten gewandt; die Kopfbedeckungen und die Gürtel, von welchen an den Seiten und hinten 3 Anhängsel herabhingen, waren ziemlich deutlich herausgearbeitet. Südöstlich von den Steinfiguren, die sich 350 Schritt vom Bach und 500 Schritt vom Fluss befanden, hatten die Sojoten anlässlich einer Sage von vergrabenen Schätzen eine tiefe Grube gegraben. Ein ungefähr 180 m östlich von dem Handelsplatz Dschirscharek in schiefer Stellung liegendes Steinbild einer Frau wurde von Wuori abgebildet,37) dagegen entgingen zwei andere Figuren, die eine am Fusse des Dschirgakberges, die andere am Bache Baindschurek (20 W. oberhalb seiner Mündung), der von Norden durch den Aksuk in den Kemtschik mündet, unserer Aufmerksamkeit. Also kommen auch am Kemtschikflusse Steinfiguren vor. Auch sieht man hier offenbar zum Schutz gegen die Steppenbewohner errichtete alte Burgwälle. Nach Safianow liegt eine solche Burg 25 Werst von dem Kajabaschifelsen am Tschedan, der von Süden in dem Kemtschik fliesst, und eine andere an dem von Norden kommenden Aksukun, ebenfalls 25 Werst von dem genannten Felsen. Die Sojoten nennen sie Taschkuschá (Steinburgen); die Mauern sind gut erhalten, etwa 2 m hoch, und aus ziemlich grossen Steinen mit grobem Sandmörtel als Bindemittel gemauert.

 Auch an dem Handelsplatz Bjakow wurden wir von dem zeitweiligen Leiter sehr freundlich aufgenommen; er besorgte uns alles Nötige und einen Führer zu dem schon genannten in einer Entfernung von 4 Werst befindlichen Kajabaschifelsen. Erst an einem anderen Handelsplatz auf dem Nordufer des Flusses erfuhren wir, wo die Inschriften zu suchen seien, denn der Berg erstreckt sich nach verschiedenen Richtungen und nackte Felswände kommen mehrfach vor. Roh gehauene Figuren, ähnlich wie die im Minussinsker Kreise, sieht man oft, u. a. auch an dem Bergabhang nach der Steppe zu, aber die Inschriften und die besten Bilder finden sich am nordöstlichen Abhang des Berges, am Ufer des Kemtschik. Die Inschriften befinden sich nur an einer ziemlich schmalen Bergwand, an den glatten Seiten eines roten Sandsteinfelsens, und verlaufen von unten etwas schief aufwärts oder umgekehrt. Die Schriftzeichen sind klein, teils gut und deutlich eingehauen, teils mit einem spitzen Gegenstand eingeritzt, wie an dem Pietschischa-Suljekfelsen am Kara-Jus (im Minussinsker Kreise). Vor uns hatten die Herren Adrianow und Bogoljubski hier Inschriften abgezeichnet, zusammen 120 Schriftzeichen, die längste Zeile im ganzen 90 Schriftzeichen enthaltend. Es gab hier aber 8 verschiedene Zeilen, die in keinerlei Zusammenhang miteinander zu stehen schienen, und es gelang uns, zum Teil durch Grabungen bis zu einer Tiefe von etwa 22 cm unter der Erdoberfläche, eine Schrift von 170 Schriftzeichen, sowie 13 gleichsam zifferblattförmig geordnete Schriftzeichen, fragmentarische Wörter u. a. m. zusammenzubringen. Das Kopieren der Inschriften wird oft dadurch erschwert, dass an vielen Stellen Zeichen, die im gewöhnlichen Alphabet fehlen, nachträglich eingeritzt worden sind, aber dennoch gelang uns, teils durch Anwendung von Löschpapier, teils von weichem Schreibpapier, das mit einem Bleistift gerieben wurde, die Wiedergabe der Schrift recht gut. Oft scheint aus den Kopien hervorzugehen, welche Linien später hinzugefügt worden sind. Eingeritzte, künstlerisch aufgefasste Bilder wie am Pietschischafluss gibt es an diesem Felsen nicht, aber 40—60 Schritt unterhalb der Inschriften sieht man einige verhältnismässig künstlerisch eingehauene Bilder von laufenden Hirschen, an welche die auf dem Aglaktyberge gefundenen, sorgfältig ausgeführten, aber steifen Bilder nicht heranreichen. Leider setzte bei den letzten Arbeiten an dem Felsen am 4. August Regen ein, so dass wir die Abdrücke zwischen Papierbogen ins Quartier bringen und auf Eisenkaminen trocknen mussten.38)

Safianow war an demselben Morgen eingetroffen, und mit ihm brachen wir bei Regen um 5 Uhr abends auf und erreichten auf kürzesten Wegen über Berge und Steppen Tschakul am Jenissei, das zwar nur 70—75 Werst entfernt lag, uns aber zwang die ganze Nacht hindurch zu reisen. — — —

 Der letzte Teil der Reise ging langsam. — — Wir setzten die Fahrt auf dem s.g. Wege des Dschingis Khan fort, welcher der Sage nach durch sein Reiten entstanden sein soll. Er besteht aus einem ungefähr 30 Werst langen, einer Landstrasse ähnlichen Wall, der in grauer Vorzeit beim Graben eines Kanals zur Bewässerung der Steppe aufgeworfen worden ist; der Fluss, aus dem der Kanal sein Wasser erhielt, soll allerdings jetzt ausgetrocknet sein. Der Kanal und der Weg führten zum Jenissei in der Nähe der Mündung des Tschakulflusses. Wir wateten über den Tschakul und gelangten um 9 Uhr zu dem gleichnamigen Handelsplatz am linken Ufer des Jenissei oder Ulu-Kem, wie er hier genannt wird. Brief. III (Forts.) U. S. 26. IX. 1888, N:o 225.

 — — Um 1 Uhr begaben wir uns von dort zu den Inschriftsteinen. Es gab deren nicht weniger als vier, in einer Gruppe auf der dürren Steppe neben einer Sojotenjurte, ungefähr 3 Werst oberhalb des safianowschen Handelsplatzes, 5 Werst oberhalb der Mündung des Tschakul und eine knappe Werst von dem linken Ufer des Jenissei. Drei *) 1,35—2,00 m hohe Steine stehen aufrecht, ungefähr 20—40 Schritt von einander; der vierte, der 2,20 m lang ist, liegt neben dem mittelsten; unter ihm gibt es offenbar nichts zu suchen, aber in einer Entfernung von 50 Schritt befinden sich drei ziemlich kleine Steinhügelgräber, deren Ausgrabung die Sojoten unter keinen Umständen zulassen wollten. Alle Inschriftsteine sind viereckige, rohe unbearbeitete Pfeiler. Nur der umgefallene Stein besteht aus weichem Sandstein; seine eine Seite dürfte durch Abspaltung geebnet worden sein. Zwei sind aus Granıt (?) und der dritte aus einer rauhen, verschiedenartig zusammengesetzten Bergart. Zwei enthalten auf drei Seiten Inschriften (der eine 55, der andere 44 Schriftzeichen), einer auf zwei (93 Schriftz.) und der vierte nur auf der einen Seite (30 Schriftz.). Verschwunden sind die Schriftzeichen nur auf der nach oben liegenden Seite des aus Sandstein bestehenden Denkmals, an welcher Schnee und Regen ihre Zerstörungsarbeit getan hatten, denn der Stein war ziemlich tief in die Erde eingesunken.

 Die Inschriften an jenen Steinen sind meistenteils recht ungeschickt ausgeführt. Dem Steinmetz dürfte eine solche Arbeit ziemlich ungewohnt gewesen sein, ausserdem waren drei von den Steinen ausserordentlich hart. Überall sieht man die Spuren des pickelartigen Werkzeugs, und die durch die Schläge entstandenen Linien hat man, wo die Arbeit am besten ausgeführt ist, durch Reiben zu vertiefen und zu ebnen versucht. Auf der einen Seite des Steines sind die zahlreichen Inschriften zum Teil so eilig eingehauen worden, dass es oft schwer fällt zu erraten, welches Schriftzeichen der Steinmetz hat darstellen wollen; hier ist, wie es auch anderwärts der Fall ist, der Anfang der Inschrift mit Sorgfalt, das Ende aber nachlässiger ausgeführt. Die eilig hergestellten Schriftzeichen lassen sich auch nicht auf Löschpapier kopieren, aber die behauenen Stellen heben sich durch hellere Farbe von der übrigen Steinfläche in dem Masse ab, dass wir sie auf Pauspapier abbilden konnten. Das Kopieren nahm ein paar Tage in Anspruch (den 5.—7. August), welche zum Glück einigermassen heiter und trocken waren.
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*) Einer von diesen Steinen ist später nach dem Museum von Minussinsk geschafft worden (Granö, Arch, Beob. I, S. 13—14.)


 Diese Steine sind identisch mit denen, welche Herr J. P. Kusnetzow im vorigen Sommer gesehen, Safianow aber schon lange gekannt hatte. Beinahe ihnen gegenüber (etwa ½ Werst weiter stromaufwärts) befindet sich am rechten oder nördlichen Ufer des Jenissei der Inschriftstein, den der Ingenieur Bogoljubski vor 5 Jahren zwischen den Mündungen der Nebenflüsse Kulikem und Ilikem gefunden hatte. Er steht nicht weit (500 Met.) vom Ufer des Jenissei und ungefähr 2 Werst oberhalb der Mündung des Kulikem (=Höhlenfluss) mitten auf einem kleinen von Steinplatten eingerahmten Grabe, das ungefähr 2 m in jeder Richtung misst. Ein ähnliches Grab liegt etwa 2 m südlicher, und ungefähr 100 Schritt nach dem Ufer zu befinden sich drei Steinhügelgräber, von denen das grösste ungefähr 60 Schritt lang und 25 breit ist und an dessen Nordende die in die Erde eingelassenen Randsteine deutlich sichtbar sind; dass grosse Grab war unversehrt, die beiden anderen eingesunken. Auch dieser Inschriftstein ist von einem benachbarten harten und verwitternden Felsen gebrochen (der Bergrücken Imie, der sich östlich von dem Steine dem Jenissei nähert, ist nur ung. 400 m entfernt). Der Stein bildet einen viereckigen Pfeiler, an welchem die Inschriften zum Teil sehr oberflächlich ausgeführt sind. Man kann hier deutlich die Arbeit von zwei Meistern unterscheiden; der eine, geschicktere Künstler hat an der einen Seite die Arbeit des anderen fortgeführt. Die Inschriften finden sich an drei Seiten des Steines, im ganzen 49 Schriftzeichen, darunter eine fremde Form. Wir fuhren am 8. August dorthin, zuerst mit einem Boote, das wir stromaufwärts stakten, dann von der Mündung des Kulikem an zu Fuss. Einigemal unterbrach am Nachmittag Wind und Regen unsere Arbeit, aber unter dem Regenmantel konnten wir die Kopien, obgleich noch feucht, in das Nachtquartier bringen.

 Die Sojoten waren mit grosser Aufmerksamkeit unserem Vorhaben gefolgt und betrachteten argwöhnisch die Arbeit. — — — Als ein Sojotenweib Safianow sagte, dass sie diese Inschriftsteine anbeten, antwortete er, dass auch wir zu Gott beten wollten. Während ich eine Inschrift abzeichnete, kam ein Sojote herbei, beugte sein Haupt vor dem Stein und murmelte betend einige Worte, dann trat er der Reihe nach auch vor die anderen Steine und tat das gleiche. Eine grosse Scheu hatten sie davor uns irgendwie behilflich zu sein. Wir konnten z. B. keinen Sojoten dazu bewegen uns zu dem Stein am Kulikem zu begleiten; aber ein Tatar, der zu Safianows Gefolge gehörte, kannte den Weg. Schon am ersten Tage hatte ein Sojote meinem Begleiter gesagt, er könne, wenn er etwas dafür bekäme, uns einen Stein mit vielen Inschriften zeigen, der uns für 4 Tage Arbeit gäbe. Ich versprach ihm 2 Rubel, wenn der Stein eine ähnliche Schrift enthielte wie die übrigen. Er schlug ein und kam auch am folgenden Morgen zum Handelsplatze, doch war er inzwischen von den anderen eingeschüchtert worden und weigerte sich uns zum Stein zu führen. Als ich hörte, dass der Angstmacher eine Art Dorfhäuptling war, liess ich den Sojoten fragen, ob er nicht für 3 Rubel den Stein zeigen wollte. Endlich kamen wir überein, dass er ihn dem genannten Tataren zeigen sollte, welcher uns dann hinführen würde. Der Tatar begab sich am Morgen weg und kehrte erst um 5 Uhr abends zurück. Den Sojoten hatte der Handel wieder gereut, doch hatte der Tatar bereits so viel erfahren, dass er allein den Stein auffinden und einige auf ihm befindliche Schriftzeichen abbilden konnte.

 Es waren 15 Werst zum Stein; da wir aber erfuhren, dass die dortwohnenden Sojoten trunksüchtig und übelgesinnt wären und dass wir deshalb keine Garantien hätten ruhig arbeiten zu können, begaben wir uns unter Führung des Tataren schon am Abend des 9. August auf den Weg, um bei Tagesanbruch die Arbeit beginnen zu können. Nachdem wir unter freiem Himmel neben einer Jurte gelagert hatten, begaben wir uns um ½4 Uhr unter Mitnahme von Wasser, (denn die nächste Wasserstelle auf der Steppe war 5 Werst entfernt) zum Steinpfeiler. Mit einem »Ee—won»! zeigte uns der Tatar von ferne die Stelle. Ich ritt auf den Stein zu, entdeckte aber 150 m von ihm auf der Steppe einen anderen, langen Stein mit Inschriften. »Den habe ich gar nicht gesehen», sagte der Tatar, als ich aus dem Sattel stieg und ihm mein Pferd überliess. Es war eine ungewöhnlich lange und schmale, abgespaltete Sandsteinplatte, deren eine Breitseite und beide Schmalseiten mit deutlichen Schriftzeichen bedeckt waren.*) Wir machten uns sogleich an die Kopierarbeit. — — —

 Darauf begab ich mich zu dem obengenannten Inschriftstein, dem eigentlichen Ziel unseres Ausfluges. Wir fanden hier nicht nur einen Stein, sondern ihrer zwei nebeneinander stehende, und an dem einen lehnten noch zwei zerbrochene Steine, die früher auch hier gestanden hatten, alle um eine Flache von etwa 3—4 Quadratmeter. Alle Steine enthielten Inschriften, teils auf drei, teils auf zwei Seiten. Wir hatten somit statt eines fünf Inschriftsteine abzubilden. Da wir Störung durch die Sojoten befürchteten, arbeiteten wir mit grosser Eile. In nordwestlicher Richtung konnten wir am Tschakulflusse in einer Entfernung von etwa 5 Werst mehrere Dutzend Jurten erkennen; zum Glück kam aber nur ein einzelner Sojote gegen Mittag auf die Steppe, wo sich viele Wege kreuzten; er trieb, von dem Fluss her kommend, eine Herde Kühe an uns vorüber. — — Um drei Uhr war unsere Kopierarbeit beendigt. — — —

Safianow war am Tage nach unserer Ankunft in Tschakul nach dem Handelsplatz Soldan gereist, der 120 Werst stromaufwärts am Jenissei oder Ulu-Kem liegt. Von dort sollte am 13. August ein Floss nach Minussinsk abgehen, mit welchem auch wir zu fahren beabsichtigten, denn das Floss ist stromabwärts die bequemste und schnellste Fahrgelegenheit. Am 10. August fuhren wir um 9 Uhr abends ab und gelangten nach einer Fahrt von 25 Werst, um 1 Uhr nachts an einen von Safianow kürzlich gegründeten Handelsplatz, wo wir bis 8 Uhr morgens ruhten. Am folgenden Abend waren wir 50 Werst gereist und befanden uns am Fusse eines Berges, namens Ottochtach (»der Feuersteinberg»), am Jenissei. Nach Safianows Angabe sollte dort auf der Steppe ein liegender Stein zu finden sein, der nach einer von ihm gemachten Zeichnung zu urteilen auf zwei Seiten eine Inschrift mit ungefähr 20 hohen Schriftzeichen tragen müsste.
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*) Jetzt im Museum zu Helsingfors, von Prof. J. G. Granö von seiner Reise 1907 mitgebracht. (Granö Arch. Beob. I, 24)  

Leider konnte unser Begleiter ihn nicht finden, denn er suchte ihn an dem westlichen Ende der Steppe, während der Stein, was Safianow erst später sagte, sich am östlichen Ende befand. Dort fand ich am Morgen selbst einen kleinen Steinpfeiler mit einem eingehauenen Menschengesicht;39) aber den Inschriftstein, der nach Safıanows späterer Angabe unweit davon südlich vom Wege liegen sollte, bekamen wir nicht zu Gesicht. Am Westende der Steppe übernachteten wir im Freien, während eines schweren Gewitters und unter heftigem Regen. — — — Um 4 Uhr brachen wir auf und gelangten (am 12. August) um 1 Uhr mittags nach Soldan, das uns hinsichtlich seiner trockenen Lage und seiner Gebäude von allen Handelsplätzen der Gebrüder Safianow am besten gefiel. — — —.

Soldan liegt ein paar Werst oberhalb der Mündung des Elegesch. Auf der linken Seite dieses Flusses, 2—5 Werst vom Ufer und 6 Werst von der Mündung befand sich noch ein Inschriftstein, den wir kopieren sollten. Dorthin begaben wir uns um 2 Uhr. Der Stein stand 1l Schritt von einem Steinhügelgrabe und war der grösste und hinsichtlich seiner Inschriften am besten erhaltene von allen Inschriftsteinen, die ich gesehen habe. Er ist an der Schriftfläche einigermassen glatt, und mit zwei Querfurchen versehen und hat die Form eines nach oben schmäler werdenden Papiermessers; die Höhe über der Erdoberfläche beträgt 3,20 m, die Breite an der Mitte 66 cm. Die Inschriften beginnen 1 Meter über dem Erdboden und reichen bis zum Scheitel hinauf; auf der Vorderseite sind 6, auf der Rückseite 4 und auf den beiden Schmalseiten je eine Zeile. Von deutlichen Schriftzeichen verzeichnete ich 380, aber stellenweise haben an der Hinterseite das Moos und an der Vorderseite Vogelschmutz die Schriftzeichen so fest überzogen, dass man sie ohne gründliche Reinigung nicht deuten kann. — — —

 Erst am 3 August früh morgens verliessen wir mit dem Floss Soldan. — — — Abends um 9 Uhr kamen wir in Tschakul an, wo wir wieder mit Safianow zusammentrafen. — — — Auf seiner Reise zum Ujug hatte er mit Hülfe von Sojoten zwei neue Inschriftsteine gefunden. Der eine befand sich an seinem Wege zum Ujug, ungefähr 15 Werst nördlich vom Jenissei gegenüber dem Handelsplatz Soldan, in einem langen Bergtale namens Usun-Sair; neben ihm war kein Grab, wohl aber ein von kleinen runden Steinen aufgeworfener Steinhaufen. Wind und Wetter hatten die Inschriften so stark mitgenommen, dass nur zwei kurze Zeilen übrig waren. Er lag nicht unmittelbar am Wege. Der andere Stein befindet sich ungefähr 100 Werst von Soldan und 125 von Tschakul auf der linken Seite des Ujug rechts von der Mündung des in denselben fliessenden Tschensasch. Er steht am Rande eines Grabhügels und gleicht dem Steinpfeiler vom Elegesch, nur ist er niedriger als dieser; in Anbetracht der zahlreichen Inschriften ist er ebenso wertvoll.

 Jetzt hatten wir also wieder drei Inschriftsteine kennen gelernt, von denen einer sogar mit dem stattlichen Monument vom Elegesch gleichwertig war. Was war nun zu tun? Safianow hatte in Tschakul keine eigenen Pferde, die er uns hätte geben können, wenn wir geblieben wären. Aber selbst wenn er uns auch solche hätte besorgen können, so hätte uns noch ein des Russischen kundiger Führer zu den Steinen gefehlt. Wenn ich am 1. September nicht mehr mit ihm nach der Mongolei zurückkehren könnte, so sollte ich, riet er mir, diese und andere etwa noch zu findende Steine für das folgende Jahr aufsparen oder ihm Löschpapier und Bürsten geben, damit er Abdrücke nehmen und zur Verdeutlichung derselben ein möglichst gutes Bild von dem Stein zeichnen und es mir schicken könnte. Da Safianow für einen Mann gilt, der keine Mühe scheut um sein Versprechen zu erfüllen und da ich nicht wusste, ob ich nach der Mongolei zurückkehren könnte, hielt ich es für das klügste 30 Bogen Löschpapier und einige Bürsten in Tschakul zu lassen und meine Reise mit dem Floss fortzusetzen. — — —

 Etwas unterhalb des Tschakul kommt von rechts ein kleiner Nebenfluss namens Bidilik. Ingenieur Bogoljubski, der diesen Fluss aufwärts gefahren ist, berichtet, er habe an ihm eine Felswand mit Tierfiguren und einer undeutlichen »Runenschrift», angetroffen. Safianow bezweifelte diese Angabe, da auch er längs dem Bidilik gereist ist und ungefähr 1½ Werst von seiner Mündung am linken Ufer Tierbilder und daneben eingeritzte Zeichen, die nach seiner Ansicht von Sojoten herrühren, gesehen hat.

 Nur an einer Felswand, bei der Mündung des von rechts kommenden Sosnowkabaches, 1—2 Werst unterhalb der Mündung des Kanschigir und 40 Werst oberhalb des Dorfes Osnatschennaja, sollten Bilder vorkommen, mit roter Farbe gemalte Kühe u. a. zum Teil verwischte Tierfiguren aber keine Inschriften. Da der Berg sich gerade oberhalb der Stromschnelle befindet und ich erst hier von den Bildern Kunde bekam, liess sich eine Landung hier nicht mehr bewerkstelligen. Erst nach einer Fahrt von 12 Werst hielt das Floss beim Fischerdorf Otschurskaja an, wo wir nähere Auskunft über die Bilder erhielten.

 Das Floss war klein; es bestand aus 15 etwa 15 m langen Lärchenstämmen, die von Querstämmen mit Hülfe von Ruten zusammengehalten wurden. Grosse Flösse enthalten 22 ungefähr 20—25 m lange Baumstämme. In der Mitte steht das »Balagan» — ein aus 5 Balkenlagen aufgeführtes Blockhaus mit einem Bretterdach., Auf und unter diesem Dach war das Reisegepäck aufgestapelt und zwischen den Gepäckstücken suchten sich die Reisenden — darunter auch Frauen — bequeme Sitz- und Liegeplätze. Am Achterende des Flosses befand sich ein von kurzen Balken eingefasster Herd. Gesteuert wurde dass Floss von Fährleuten nach dem Kommando des Lotsen mit einem Bug- und einem schweren Heckruder, Ausser dem Proviant waren auch zwei Pferde an Bord, welche am Heck des Flosses standen, das eine von ihnen für die Rückreise des Lotsen bestimmt.

 Der Flossverkehr auf dem Jenissei ist nur 30 Jahre alt. Ohne Gefahr ist er nicht. Reste von zersplitterten Flössen sind oft an den Ufern zu sehen. Auf der Strecke durch das Gebirge gibt es drei Stromschnellen, von welchen die oberste, die Grosse Stromschnelle, die reissendste ist. Über eine Stunde dauerten die Vorbereitungen zum Passieren derselben. Das Gepäck wurde sortiert, zugedeckt und an das Dach des Balagans festgebunden. Die Passagiere liessen sich auf den Decken nieder und hielten sich an den Stricken fest, da die Wellen zuweilen so hoch sein können, dass sie Menschen vom Balagan herabspülen. In der Mitte stand Safıanow und kommandierte. Erst am Beginn der Stromschnelle wurden die Ruder mit Hülfe von Stricken auf das Balagan gezogen und gleichzeitig schwangen sich auch die Ruderer hinauf. In den mächtigen Wellen, von deren ein paar Meter hohem Kamm jedesmal nur etwa ein Eimer Wasser uns überspülte, schaukelte das Floss der Länge nach und wandte sich dann allmählich querüber; in demselben Augenblick war aber auch die schlimmste Stelle, die nicht länger als 3 Minuten in Anspruch genommen hatte, hinter uns und das Floss konnte wieder mit den Rudern gesteuert werden. — — —

 Nachts war dass Floss nicht in Bewegung; das erste Mal übernachteten wir am Ufer, das zweite Mal bei der Mündung des Kanschigir. Das Floss legte täglich ungefähr 150 Werst zurück; am Morgen des dritten Tages (18. Aug.) langten wir im Dorfe Osnatschennaja an. — — — Am 18. August kamen wir um 11 Uhr abends zu der Villa Safıanows am Ufer des Jenissei, 5 Werst von Minussinsk, und setzten am folgenden Morgen im Wagen die Reise nach der Stadt fort, wo ich hoffte womöglich von Martianow neue Angaben über Inschriftsteine oder Nachrichten aus der Heimat zu erhalten.
J. R. A.

Brief IV. U.S. 15 XI. 1888, N:o 265
Minussinsk den 30. Sept. 1888.

 Als ich am 19. August in Minussinsk ankam, war Martianows erste Frage, ob ich seinen Brief erhalten hätte, den er vor kurzem nach der Mongolei geschickt hätte. Man hatte ihm nämlich mitgeteilt, dass ein Inschriftstein auf der Turansteppe, die sich zwischen dem russischen Grenzdorf Us und Safianows Handelsplatz am Ujug befindet, aufgefunden worden sei. Auch hatte ihm ein junger Naturforscher, der Direktor des in Krasnojarsk neulich gegründeten Museums, S. Proskurjakow, die Kopie einer mit schwarzer Farbe gemalten tschudischen Inschrift geschickt, die er in einer grossen Höhle 3—4 Werst vom Ulus Tochsas an den Quellen des Weissen Jus (= Ak-Jus) im Kreise Minussinsk gefunden hatte. Sie enthält, nach der Abbildung zu schliessen, 46 Schriftzeichen, von denen nur ungefähr 10 undeutlich sind, alle anderen aber in dem von mir verzeichneten Alphabet vorkommen. Ausserdem wären in der Höhle einige Hausmarken ähnliche Figuren zu sehen, von denen drei mit roter Farbe aufgemalt wären. Schon im vorigen Jahre hatte ich selbst am Weissen Jus von diesen Inschriften reden hören. In dem zwischen der Maksimower Fähre und dem Kosakendorf Farpus (Vorpost) oder Soljanowarennaja*) liegenden Uluss Saratsk erzählte mir ein Tatar, dass 70 Werst stromaufwärts, 20 Werts vom Uluss Tochsas, an einem Berge viele Felsenzeichnungen sowie auch Inschriften (gramota) zu finden seien; doch hatte man uns damals, als wir daraufhin nach den Quellen des Flusses reisen wollten, in dem genannten Dorfe versichert, dass wir des Hochwassers wegen — es war Ende Juli —, nicht einmal zu Pferde dorthin gelangen könnten.
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*Nach der Karte Soljanoserskaja.
Es scheint also am Jus auch eine zweite Inschrift zu geben. Dagegen wusste Martianow jetzt bestimmt, dass die Inschrift, die sich in der Nähe der Eisenhütte Abakanskoje befinden sollte, und von der man uns im vorigen Sommer berichtet hatte, nicht existiert. Eine Kopie, welche die Inschrift wiedergeben sollte, bezog sich in Wirklichkeit, wie ihr Verfertiger selber mitgeteilt hatte, auf die von alters her bekannten Malereien am Arbat.

 Die aus der Heimat angelangten Zeitungen und Briefe, das Abzeichnen der Neuerwerbungen des Museums sowie das Studium der einschlägigen Literatur brachten uns ein paar willkommene Ruhetage. Die hinter dem Sajanischen Gebirge befindlichen 4 Inschriftsteine, die noch nicht abgebildet waren, liessen mir jedoch keine Ruhe. Schlecht hätten wir unsere Aufgabe gelöst, wenn wir jene von Minussinsk 500 Werst, aber von Helsingfors 7,500 Werst entfernten Steine unbeachtet gelassen hätten. Und als uns Safianow mitteilte, dass er am 27., 28. oder 29. August über das Dorf Us in die Mongolei zurückkehren und uns für 120 Rubel Pferde und was sonst noch auf der Hin- und Rückreise vonnöten wäre anschaffen wollte, wenn wir kein Floss bekämen, war unser Entschluss gefasst.

 Im vorigen Sommer hatte Appelgren sich vergebens nach einem Stein erkundigt, der sich an dem von dem Salzwerk Beiskoje zum Abakan führenden Wege befinden und ausser Bildnissen auch Inschriften enthalten sollte. Da nun auch Safianow behauptete, seinerzeit jenen Stein gesehen zu haben, ihn für einen Inschriftstein hielt und einen Brief an einen Tataren schrieb, der uns an den Ort führen sollte, begaben wir uns am 24. von neuem auf die Suche nach jenem Denkmal. Wir fanden es auch in einer Entfernung von 90 Werst, aber es enthielt keine Inschrift, sondern nur undeutliche Tierbilder und »Hausmarken», welche die Betrachter irre geführt hatten.40) Aber auf dieser Reise gelang es uns, u. a. einen s. g. »tschudischen Steinhof» abzubilden. Es war eine viereckige Steinzetzung auf der ebenen Steppe mit ungefähr 40 m langen Seiten; die grössten Steine ungefähr 1 m lang. Ausser ın den Boden eingesunkenen Steingruppen in der Nähe der Steinsetzung, waren innerhalb derselben keine Spuren einer Niederlassung zu sehen.41)

 Altsachen, die man in der Mongolei überhaupt nicht zu kaufen bekommt, sammelten wir in den Tatarenulussen am südlichen Ufer des Abakan in ziemlicher Menge. Übrigens behauptet Martianow, dass die Ausbeute an Altsachen beträchtlich abgenommen hätte, seitdem es ihm gelungen wäre in einem Jahre ihrer 1500 zu erwerben. — — —

 Da Safianow den 29. September zur Abreise bestimmt hatte, fuhren wir am Tage vorher aus Minussinsk nach dem Dorfe Tesinskoje am Tuba, wo der Krasnojarsker Forscher Sawenkow eine tschudische Inschrift gefunden hatte, ohne jedoch den Platz genauer anzugeben. An einem am nordwestlichen Ende eines grossen Grabhügels stehenden Grabsteine fanden wir zwei kleine 2 cm hohe Schriftzeilen, jede aus 2 Wörtern bestehend, die eine mit 10, die andere, deren Anfang und Ende unvollständig waren, nur mit 6 gut erhaltenen Schriftzeichen. Er ist der erste Inschriftstein, der in dem Minussinsker Kreise auf der rechten Seite des Jenissei gefunden worden ist, und zugleich der erste sicher belegte Grabstein im Kreise, der Inschriften enthält. An den Schmalseiten desselben Steines sieht man aber auch verwitterte roh eingehauene Figuren und recht zweifelhaft ist es, ob sie und die Inschriften gleichzeitig sind. Meines Erachtens tragen jene kaum wahrnehmbaren Schriftzeichen ein so zufälliges Gepräge, dass ich sie für spätere Zusätze halten möchte. — — —

 Am 29. August um 9. Uhr abends fuhren wir in Safianows Gesellschaft über Kasanskoje und Jermakowskoje nach dem Dorfe Scheloma (115 Werst), wo der Reitweg seinen Anfang nahm. Von hier setzte sich die Karawane am 30. August morgens in Bewegung, Safianow, sein Schwager, Martianow, Wuori und ich, sowie als Diener ein 47 jähriger, auf dem Pferderücken aufgewachsener Kalmück aus der Gegend von Astrachan, ein estnischer Koch aus Arensburg, Martianows russischer Begleiter und ein Sojote sowie drei Packpferde. — — —

Brief IV (Forts). U.S. 16. XI. 1888, N:o 269.

 Am 1. September langten wir auf dem Bergrücken Kulumjus, der ungefähr 65 Werst vom Dorfe Serlom entfernt ist, an und assen bei Schneegestöber unter einer Riesenzeder zu Mittag. — — — Nach weiteren 20 Werst gelangten wir an den grossen Ojafluss, über den wir schon zweimal mit der Fähre bei den Dörfern Kasanskoje und Jermakowskoje gesetzt waren. Hier, nahe seinen Quellen, rauschte sein klares Wasser als Bach herab. An seinem Ufer beschlossen wir von dem nach dem Dorfe Us führenden vor 20 Jahren gebauten Postwege, dessen Fortsetzung noch schlechter sein soll, abzubiegen, und schlugen den alten an die Quellen des Us und zum Ujugflusse führenden Weg ein. Nach Safianow war er früher der einzige Weg, und längs ihm muss auch Castrén gereist sein. Als ich daran erinnerte, dass seine Reise einen Monat dauerte, erzählte Safianow, dass die Kaufleute früher nach Überschreitung eines jeden Berges entweder zu Mittag assen oder ihr Nachtlager aufschlugen; so wäre es noch vor 17 Jahren gewesen, als er längs diesem Wege zum erstenmal in die Mongolei reiste um sich dort einen geeigneten Handelsplatz auszusuchen. Jetzt hätte man seit 20 ]ahren diesen alten Weg nicht mehr befahren, bis Safianow im vorigen Jahre begann, ihn als Viehpfad zu benutzen, da er sowohl kürzer wie auch besser als der durch das Dorf Us führende Weg wäre. — — Zwischen dem Oja und dem Us ritten wir ungefähr 20 Werst längs einem Bergkamm, wo schon der erste Schnee lag. — — —

 Südlich von dem in den Us mündenden Omi fängt die Gegend an Steppencharakter anzunehmen; hier befanden wir uns schon in dem Gebiet der Sojoten, das die Chinesen Uranchai nennen zum Unterschied von dem eigentlichen Mongolengebiet, das sie Chalchá nennen. Die Grenze zwischen diesen zwei mongolischen Gebieten bilden die Höhenzüge Tanuslan und Schapschal. Der Name Sojot ist eine russische Modifikation des tatarischen Sajon, das sowohl das Gebirge als das Volk bezeichnet; selbst nennen sich die Sojoten Tubá, nach dem gleichnamigen Fluss, von welchem sie nach ihrem jetzigen Wohnort gezogen sind.

 Längs dem Omi kehrte Safianow allein nach Us (45 W.) zurück, wo ihn der Grenzchef Afrikanow und andere Personen, die an einer Zusammenkunft in Dschirscharek teilnehmen wollten, erwarteten. Auf dieser Zusammenkunft sollten hauptsächlich gegenseitige Klagen der Grenzbevölkerung sowie die Rückstände der russischen Kaufleute bei den Sojoten, die sie durch Vermittelung der chinesischen Regierung einziehen zu können hofften, geprüft werden. Wir anderen setzten die Reise zum Ujug fort, zu welchem man vom Us 70 Werst rechnet und wohin Safianow später nachkommen wollte. Unter Führung des Kalmücken fuhren wir den Ujug etwa 20 Werst stromaufwärts um bei der Mündung des Tschensasch Inschriftsteine aufzusuchen. Am 5. September um 9 Uhr abends kamen wir glücklich aus einem Moor heraus, wohin wir uns in der Dunkelheit verirrt hatten und brachten die Nacht in einer Sojotenjurte zu. Diese befand sich auf einer Anhöhe, einem s. g. »Kurgan», ½ Werst von der Mündung des Tarlakbaches. Am Abend behaupteten die Sojoten drei Inschriftsteine zu kennen, von denen einer aufrecht stehend, die beiden anderen umgefallen sein sollten, aber am folgenden Morgen erhielten wir nur zu dem erstgenannten Stein einen Führer. Der Stein stand allein auf einer ziemlich kleinen, von Bergen umgebenen Steppe, wo wahrscheinlich keine Gräber waren, ungefähr 3 Werst nördlich von der Mündung des Tarlak, hinter dem ersten Berge, Er war, wie Safianow später mitteilte, identisch mit dem Stein, den er, sich auf die Angabe des Kaufmans Wawilin aus dem Dorfe Us stützend, uns als rechts ‚von der Mündung des Tschensasch stehend bezeichnet hatte. Auf der Ostseite des Steines befanden sich zwei lange und deutliche Schriftzeilen, im ganzen 105 Schriftzeichen, auf den anderen Seiten waren Bilder von Werkzeugen (einer Steinhacke?) und andere Verzierungen, die sich schwer beschreiben lassen, zu sehen. An der Westseite hatte man augenscheinlich begonnen eine Inschrift einzuhacken, von der aber nur das auf Inschriften oft vorkommende Anfangszeichen fertig geworden war. Auf Grund einiger an Inschriftsteinen oft vorkommenden Verzierungen lässt sich annehmen, dass ein zweiter in der Nähe der Jurte stehender Steinpfeiler gleichaltrig mit dem Inschriftstein ist. Die auf diesem Steinpfeiler befindlichen Ornamente wurden ebenfalls abgezeichnet. 42)

 Am 6. August gelangten wir, als wir längs dem linken Ufer des Ujug stromabwärts ritten, ungefähr 5 Werst unterhalb der Mündung des Tschensasch auf der von dem Arschangebirge umgebenen Steppe zu einem neuen Inschriftstein, der ein paar Schritt östlich von einem kleinen Steinhügelgrab, 2 Werst vom Ufer des Ujug stand. Der Stein war an allen Seiten geglättet; die West- und Ostseite waren mit Hirschbildern verziert; auf der Südseite befand sich eine Reihe Bilder von schweinähnlichen Tieren; ausserdem fand sich inmitten der Tierbilder ein deutlich ausgeführter Dolch. Nur auf der Ostseite liefen unten fünf Zeilen einer Inschrift querüber den Stein, und nicht in der Längsrichtung wie an allen anderen Inschriftsteinen. Diese Zeilen enthielten im ganzen 47 Schriftzeichen, darunter 2 fremde, von denen das eine an ein Kleebatt, das andere an ein Stundenglas erinnerte.43) — — —

 Am 7 August hatte die Sonne bereits die Mittagshöhe erreicht, als wir unsere Arbeit am Inschriftstein beendigt hatten. Ungefähr eine Werst nördlich von hier war auf der Steppe ein Steinwall zu sehen, an welchem die Sojoten im Juni ihren Gottesdienst mit einem grossen Fest begehen sollen. Als ich hörte, dass der Wall vorgeschichtlich wäre, begaben wir uns dahin um ihn näher zu besichtigen. Wir fanden, dass der Wall ein riesiges Steinhügelgrab war, vielleicht das grösste seiner Art in der Welt mit einem Durchmesser von 95 m. In der Mitte war der Steinhügel eingesunken und einigermassen flach; die Ränder waren höher, etwa 3 m hoch, ausser auf der Süd- und der Nordseite, wo sie eine Höhe von ungefähr 6 m erreichten. Mitten auf dem Grabe hatten die Sojoten zwei Schamanenjurten errichtet, vor denen mit verschiedenfarbigen Bändern verzierte Tuchfetzen im Winde flatterten. In der westlicheren Jurte stand auf einem Altar ein roh geschnitztes, bemaltes, ungefähr 0,90 m hohes Götzenbild mit kleinen Augen, Schnurrbart und Backenbart (bei den Sojoten habe ich keinen Bart gesehen). Zu beiden Seiten des Götzen befanden sich ungefähr ein Dutzend hölzerne Tierbilder, u. a. ein Kamel. Oberhalb des Einganges war auf die Spitze einer Stange ein aus Holz geschnitzter Habicht gesteckt, und vor der Jurte hatte man Sandsteinplatten des Grabhügels zu vier Säulen aufgestapelt; etwa zehn ähnliche Säulen standen auch sonst noch hier und dort auf dem Grabhügel. In der anderen Jurte stand auf einem Altar ein Holzsarg. Zu welchem Zwecke — ob für eine Person oder eine ganze Schar von Kriegern — jener einen unerhörten Aufwand an Arbeitskraft erfordernde Steinhügel mitten auf einer Steppe, wo sonst keine Steine zu finden sind, errichtet worden ist, bleibt bis zur Vornahme von Ausgrabungen ein Rätsel. Wuori hatte gerade seine Zeichnungen von dem Grabe beendigt, (sieh Abb. 330) als 4—5 Sojoten in vollem Galopp angesprengt kamen; sie begrüssten uns, sahen aber sehr unruhig aus. Da sie an uns nichts Verdächtiges fanden, eilten sie hinter den Steinhügel, wahrscheinlich um ihre Heiligtümer zu mustern, kamen aber wieder zu uns zurück, bevor wir von dannen ritten. Ein Ethnograph hätte wahrscheinlich den Platz nicht so unschuldig verlassen wie wir. Um ½4 Uhr setzten wir unsere Reise längs dem linken Ufer des Ujug stromabwärts fort und gelangten nach 5 Stunden an den Handelsplatz Bjakow am Turan, 7 Werst oberhalb dessen Mündung in den Ujug.

Brief IV (Forts.) U.S. 20. XI. 1888, N:o 272.


 Der kränkliche Wirt Nikolai Petrowitsch, seine Frau, die auch wissenschaftliche Interessen zu haben schien, und zwei Schwiegertöchter (die Söhne befanden sich auf Reisen) nahmen uns mit grosser Gastfreundschaft auf. Am Morgen begleitete uns der Wirt zu einem Inschriftstein, von dem seine Frau Martianow Mitteilung gemacht hatte und der sich auf der rechten Seite des Turan, ungefähr 1 Werst unterhalb des Handelsplatzes befand. Nächst dem Elegeschstein ist dieser der stattlichste und schönste aller Inschriftsteine. Auf zwei Seiten befinden sich Bilder von Hirschen (cervus elaphus), Wildschweinen und anderen Tieren, und ebenso auf zwei Seiten durchweg deutliche Schriftzeilen mit zusammen ungefähr 290 Schriftzeichen ; über seine ganze Fläche ist der Stein sorgfältig zu einem Denkmal hergerichtet worden. Da das Monument halb umgefallen war, so dass es unmöglich war, von der unteren Seite Abdrücke zu bekommen, liess ich es mittels eines um einen Pfahl drehbaren Rades und mit Hülfe von Seilen wieder in seine ursprüngliche Stellung bringen. Der untere Teil war ungefähr 1 Meter tief in die lehmhaltige Erde eingelassen; Stützsteine waren an seiner Basis nicht verwandt worden; wohl aber befand sich an der NO-Seite eine Senkung, — — — die vielleicht eine Ausgrabung verdiente. 44) — — —— ——

 Das Abzeichnen des Steines mit seinen Bildern und Inschriften hatte den ganzen Tag in Anspruch genommen und erst gegen Abend waren wir fertig geworden. Am Morgen des 9. September gelangten wir an Safianows Handelsplatz am Ujug, von wo wir uns am Nachmittag nach Soldan zu aufmachten. Der Weg führte über Berge längs dem rechten Ufer des Beikem, der grösseren Jenisseiquelle, und neben dem Wege sahen wir an vielen Stellen, am Bache Tok, in den Tälern der Flüsse Begra, Waingol und Sisterlik, Steinpfeiler, bald alleinstehend, bald bis zu 5 nebeneinander, entweder neben einem Steinhügelgrabe oder auf der ebenen Steppe. An zwei Stellen sah ich auf den Steinhügeln selbst aufgerichtete Steine, an der einen Stelle einen, an der anderen zwei. Aus gewissen Streifen und Grübchenlinien, mit denen die Steine am oberen Ende verziert waren, lässt sich schliessen, dass sie aus derselben Zeit stammen wie die Inschriftsteine, aber Inschriften enthielten sie nicht. Einen Inschriftstein, der sich am Sisterlik befinden sollte, konnten wir nicht ausfindig machen, weil der Kalmück erst viel später meldete, dass wir schon lange an dem Bache vorübergeritten wären, obwohl er gewusst hatte, dass ich dort Halt machen wollte. Ich hatte dort nur zwei auf einem Steinhügelgrab stehende Steinpfeiler gesehen und untersucht. Der Kalmück behauptete zudem, er habe einen entgegenkommenden Sojoten gefragt, ob es dort noch andere Steine gäbe, und eine verneinende Antwort erhalten.

 Die Sojoten sind als Räuber, vor allem als Pferderäuber bekannt. Sie lauern besonders russischen Reisenden auf. Nach unserem Aufbruch vom Ujugflusse waren wir keinem Sojoten begegnet und hatten nur im Begratale zwei Jurten passiert, von welchen aus man unseres Wissens unseren Vorbeimarsch hätte beobachten können. Wir schlugen unser Nachtlager am Mygenebach (»Steinbach») auf, an einer Stelle, wo, wie ich später hörte, Reisende öfters beraubt worden sind. Während der Kalmück in einer gewissen Entfernung von unserem Zelt die Pferde bewachte, wurde im Dunkel der Nacht ein neben das Zelt gelegter zugedeckter Sack, der Kleidungsstücke, Geld und unseren Proviant sowie, das Wichtigste von allen, meine Aufzeichnungen von der vorjährigen Reise nach dem Minussinsker Kreise enthielt, gestohlen.

 Ich wollte, dass der Kalmück sofort den Spuren des Räubers über den Berg wenigstens bis zu den Jurten am Begratale folgte, doch kehrte er bald zurück und schlug vor, dass wir auf dem kürzesten Wege nach Soldan, wohin es noch 40 Werst waren, reiten sollten, um mit Andrei Safianow Rat zu halten. Doch wollte ich unsere Arbeit nördlich vom Ulu-Kem nicht aufgeben, da der Flussübergang auf dem Wege nach Soldan und aus Soldan zurück schwierig war. Deshalb setzten wir ohne zu essen noch den ganzen Tag unsere Reise durch das Gebirge fort. Den Inschriftstein am Sisterlik, fanden wir, wie ich schon bemerkt habe, nicht; gegen Abend kamen wir aber zu dem Inschriftstein, den Safianow am Harasu 10 Werst nördlıch vom Ulu-Kem, an dem Wege, der von Soldan direkt zu den Quellen des Ujug führt, gefunden hatte. Die Sandsteinfläche des Steines ist stark verwittert, so dass von den 5 Schriftzeilen nur noch ein Teil deutlich ist. Erst um ½11 Uhr abends sassen wir wieder am Teetisch bei unseren liebenswürdigen Wirten in Soldan.

 Im Sisterliktale hatte der Kalmück den Raub dem früheren und dem jetzigen Dsaisan des Bezirkes angezeigt. Diese Meldung hielt Safianow vorläufig für hinreichend, doch bat er mich um ein Verzeichnis der geraubten Sachen und schickte einen Sojoten mit einem Bericht über die Angelegenheit zu der Zusammenkunft in Dschirscharek von wo aus man, wie er annahm, Kundschafter nach dem betreffenden Ort absenden würde. Auch zweifelte er nicht an der Rückerstattung der geraubten Gegenstände. — — —

 In Andrei Safianows Gesellschaft ritten wir zu den Jurten in der Umgegend Soldans, um nach Inschriftsteinen zu fragen, und allmählich schlossen sich uns 9 Sojoten an. Sie waren ausserordentlich neugierig und wollten wissen, mit was für Instrumenten wir die Steine abbilden wollten. Von Steinpfeilern mit Bildern brachten wir mehrere in Erfahrung, aber darüber, ob sie auch Inschriften enthielten, war nichts Sicheres zu erkunden. Da ich keinen geeigneten Führer bekam, wollte ich nicht die Zeit damit vergeuden aufs Geratewohl nach den Steinen zu suchen. Wuori zeichnete einen Stein ab. Dieser ist, wie überhaupt alle Steinpfeiler oberhalb Elegesch, hinsichtlich seiner Verzierungen nahe verwandt mit den Steinen im Turan und Arschan, aber er enthält nur Tierbilder, Kronhirsche (Cervus elaphus) und Wildschweine, die jetzt noch auf den hiesigen Bergen vorkommen.45) Diese Steine sind als Zeugnisse dafür von Bedeutung, dass die Künstler ähnliche Bestrebungen und Erwerbszweige gehabt haben, wie sie der Bevölkerung dieser Gegend zu allen Zeiten eigen gewesen ist, so dass die Steine also nicht als Denkmäler einer fremden Kultur angesehen werden dürfen. Auch die Grabsteine, an denen man Inschriften antrifft, unterscheiden sich in ihrer Form nicht von den gewöhnlichen. Ausserdem gilt für die vergleichende Altertumskunde die einfache Regel, dass das Gebiet, in welchem eine gewisse fertige Form zahlreicher auftritt als in den Nachbargebieten, wenigstens vorläufig als die Heimat dieser Form angesehen werden muss. Die Sojoten berichteten auch, dass an den Quellen des Elegesch, ungefähr 25—30 Werst von Soldan, Spuren einer alten Siedelung anzutreffen wären. Obgleich ich erfuhr, dass es sich dort um einige Unebenheiten im Terrain handelte, und dass man beim Graben Tongefässcherben u. a. gefunden hätte, musste ich aus Zeitmangel darauf verzichten dort Ausgrabungen vorzunehmen. Bei dieser Gelegenheit erzählte Andrei Safianow, dass sich an dem steilen Ufer des Mandschurek, an dem Wege von Dschirscharek zum Arbat, ein aus Lehm, Feldsteinen und Sand errichtetes »tschudisches Gebäude» befände. Es bildete ein Viereck, jede Wand ungefähr 8 Arschinen lang, 1 Arschine dick und stellenweise noch 5 Arschinen hoch. Fenster- und Türöffnungen fehlten, aber die vierte Wand, wie er glaube die nördliche, sei eingestürzt. Ein ähnliches Steinhaus befände sich auch bei Batanakowo am Weissen Jus im Minussinsker Kreise. Wichtig wäre es, solche auf eine höhere Kultur deutenden Spuren zu verfolgen, denn Steingebäude und eine viereckige Hausform sind den hier wohnenden Nomadenvölkern ebenso fremd, wie die Schrift, die der Gegenstand unserer Forschung ist, — jedoch fehlt uns die Zeit hierzu.

 Als wir erfuhren, dass Bjakows Salzfloss am 17. September von Soldan nach Tschakul abgehen sollte, von wo wir mit ihm nach Minussinsk zurückkehren könnten, begaben wir uns am 15. von Soldan stromabwärts, um den Inschriftstein zu suchen, dem wir auf der vorigen Reise vergebens nachgespürt hatten. Am Abend fand ihn denn auch Wuori, in der Nähe des Berges Ottochtach, auf der rechten (Ulukem-) Seite des Weges; einer falschen Angabe folgend hatten wir ihn damals auf der gegenüberliegenden Seite gesucht. Dieser sowie zwei andere umgefallene Steinpfeiler lagen auf einem hügellosen viereckigen mit Randsteinen eingefassten Grabe. Die Schrift enthielt nur 10 grosse eingehauene Schriftzeichen, und der viereckige Stein trug keine sonstigen Spuren irgendwelcher Bearbeitung. In der Abenddämmerung lagerten wir uns an einem Arm des Ulu-Kem, ungefähr 2 Werst unterhalb des Inschriftsteines. Auch dieser Lagerplatz war, wie der Kalmück behauptete, als ein Ort bekannt, wo räuberische Überfälle stattgefunden hatten, und auch uns sollte hier ein neues Missgeschick zustossen. Ohne das Zelt aufzuschlagen legten wir uns an dem Feuer zur Ruhe. Dass Gepäck wurde neben mir aufgestapelt, und sicherheitshalber band ich es ausserdem an meinem Stiefelschaft fest um durch ein Berühren desselben sofort aufgeweckt zu werden, wenn ich eingeschlafen sein sollte; der Kalmück begab sich 30 bis 40 m von uns zu den Pferden. Bei Tagesanbruch rief ich, es wäre Zeit den Tee zu kochen. Der Kalmück kroch unter einer Pferdedecke am Biwakfeuer hervor, wo er sich vor kurzem hingelegt hatte. Nachdem er das Wasser für den Tee gekocht hatte, entfernte er sich längs dem mit spärlichem Weidengestrüpp bewachsenen Ufer um die Pferde zu holen, kehrte aber bald mit dem Bescheid zurück, die Pferde, die eben noch zur Stelle gewesen, wären verschwunden. Zum Glück hatte er am Tage vorher ein vor 4—5 Tagen vom Lagerplatz des Gregor Safianow weggelaufenes Zugpferd eingefangen und am Abend an den nächsten Baum gebunden. Dieses Tier sattelte er jetzt und ritt auf die 10 Werst lange Steppe hinaus um nach den verlorenen Pferden zu spähen, kehrte aber wieder um: hier waren keine Spuren zu sehen. Es gab keinen anderen Rat als nach Soldan zurückzukehren um neue Pferde zu holen; die Uhr war sieben am Morgen, als er in einem Bogen unser Lager auf der Steppe umkreiste und schliesslich längs dem Ufer des Ulu-Kem nach Soldan zu verschwand. Er hatte die Spuren von fünf Pferden gefunden, und mit seinen scharfen Augen entdeckt, dass sie von einem fremden und unseren vier Pferden herrührten. Er folgte den Spuren längs dem Ufer, über Schluchten, Berge und Steingeröll, über welche der Räuber die Pferde geleitet hatte, und bog dann nach dem innern Lande zu ab. An einer Winterhütte hatte der Sojote Halt gemacht, und als er hier den Kalmücken von weitem kommen sah, ergriff er, seine Beute im Stich lassend, die Flucht. Die Uhr war 12, als der Kalmück froh über die geglückte Expedition mit den wiedererbeuteten Pferden zum Nachtlager zurückkehrte.

 Da wir keine Lust hatten, noch eine Nacht auf der Steppe zuzubringen, fuhren wir nach dem Mittagsessen ab und langten nach einer Fahrt von 60 Werst im Mondschein um ½11 Uhr am Handelsplatz Dschaganar an, wo wir auch auf der vorigen Reise übernachtet hatten.

 Ungefähr 1 Werst südöstlich von dem Handelsplatz zeichnete Wuori am folgenden Tage ein 1 Meter hohes Denkmal ab, welches das Brustbild eines bärtigen Mannes, sowie auf der Brust das Bild einer henkellosen Kanne aufwies.46) Aber ganz sonderbaren Steinskulpturen begegneten wir 12 Werst ostsüdöstlich vom Handelsplatz in der Nähe eines versiegenden Baches namens Bajangol.*) Dort befinden sich zwei einander gegenüberstehende, ziemlich künstlerisch gearbeitete, Männer darstellende Steinfiguren. Das lange Gewand, das an die jetzt üblichen Frauenkleider mit offenen Ärmeln erinnerte, liess vermuten, dass die Bildwerke Geistliche darstellen. Die Mütze hat eine eigentümliche rechteckige Form. Die eine Figur ist bartlos, die andere hat dagegen einen Schnurrbart und einen dreigeteilten Kinnbart. Beide halten an der Brust einen ziemlich langen, viereckigen Gegenstand, der seiner Grösse nach zu urteilen ein altertümliches, längliches Gebetbuch vorstellen könnte. Beide Denkmäler haben als Unterlage eine viereckige Steinplatte mit einem
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*) Vgl. J. G. Granö, Arch. Beob., S. 49 Taf. XIV. (Journal de la Soc. Finno-Ougr. XXVI: 3) Loch in der Mitte, durch welches es in die Erde eingelassen ist. Neben den beiden Männerfiguren lagen in einer Entfernung von 4 m und gleichfalls einander gegenüber die Bildnisse von zwei Löwinnen mit ihren Jungen. Das eine Junge ist aus einem Stein hergestellt, der für diese Aufgabe nicht ausgereicht hat: der Kopf fehlt ganz und vom Schwanz ist nur ein Stumpf zu sehen. Die Sojoten erweisen diesen Denkmälern — — — göttliche Ehren und bestreichen sie mit Fett. Sicher scheint nur zu sein, dass sie nicht zu demselben Kulturkreise gehören, wie die übrigen Denkmäler dieser Gegend.47) BR> Brief IV (Forts.) U.S. 22. XI 1888, N:o 274


 Am Sonntagmorgen den 16. September gelangten wir endlich an den Handelsplatz Tschakul, in dessen Nähe wir auf der vorigen Reise 10 Inschriftsteine abgebildet hatten. Von neuen Steinen verlautete nichts, dagegen behauptete man, die Sojoten wären ungehalten darüber, dass die Russen ihre Steine auskundschaften und sie abbilden. Während wir auf das Floss warteten, fuhren wir am folgenden Tage mit dem Kahn nach der Mündung des Bidilik (12 W.), von wo wir uns am Bach entlang zu Fuss aufmachten, um die von Bogoljubski entdeckten Felsenzeichnungen und undeutlichen tschudischen Inschriften aufzusuchen, die ich in meinem vorigen Briefe erwähnte. Unser Suchen war jedoch erfolglos, und die Sojoten, zu deren Jurten wir gelangten, versicherten uns, sie hätten an den dort befindlichen Felsen keine Zeichnungen gesehen. — — —

 Nach Tschakul kam am Montag, dem 17 September, die Nachricht, das den Jenissei flussabwärts gehende Floss würde noch am selben Abend ankommen; zu unserer grossen Enttäuschung dauerte es aber eine ganze Woche, ehe es dort eintraf und — am 24. September — nordwärts abging. Diese Fahrt, während welcher das Floss zweimal auf den Grund lief und einmal mit genauer Not vor dem Zerschellen an einer Felswand gerettet werden konnte, nahm anstatt berechneter drei ganze fünf Tage in Anspruch. Wir landeten bei dem Dorfe Kapterewo und setzten von dort im Wagen die Fahrt nach Minussinsk fort, wo wir am Sonntag dem 30. September ankamen. J. R. A.

Brief V. U.S. 24. XI 1888, N:o 302.


 Da ich fürchtete, dass ich selbst keine Zeit finden würde, die vier von Pallas, Klaproth und Castrén erwähnten oder abgebildeten Inschriftsteine am Uibatflusse aufzusuchen, hatte ich vor meiner zweiten Reise nach der Mongolei Martianow nach einem geeigneten Mann gefragt, der sie statt meiner in Augenschein nehmen könnte. Ein hierher verbannter Petersburger Student Bulanow, zu dem Martianow volles Vertrauen hegte, nahm den Auftrag an und kopierte zu diesem Zweck sowohl das Alphabet der fraglichen Schriftsprache wie auch die früheren Abbildungen der genannten Steine.

Bulanows Reise blieb nicht ohne Erfolg. Mit einem Empfehlungsschreiben an die dort wohnenden Tataren versehen, war er mit einem Kameraden an beiden Ufern des Uibat umhergeritten und hatte sowohl den von Castrén im Jahre 1847 entdeckten wie auch einen bis dahin unbekannten Inschriftstein gefunden, ausserdem einige Steinpfeiler und sehr bemerkenswerte Flächendarstellungen, die ebenfalls bisher unbemerkt geblieben waren. Ausserdem war Martianow während meiner Abwesenheit vom Direktor Sawenkow in Krasnojarsk benachrichtigt worden, dass bei dem Dorfe Tesinskoje am nördlichen Ufer des Tuba sich eine kurze Felseninschrift befände.

 Die Wartezeit in der Mongolei hatte mich in eine missliche Lage gebracht. Beim Ansuchen um einen Urlaub auf 4 Monate hatte ich diesmal gebeten, abgesehen von der Dauer der Rückreise, noch im September meine Sammeltätigkeit fortsetzen zu dürfen, wenn es die Umstände erforderten. Und nun wurden wir bei der Ankunft in Minussinsk am letzten September vor die Aufgabe gestellt drei neue Inschriftsteine abzubilden; ein vierter, den Proskurjakow gefunden hatte, befand sich am Weissen Jus, über welchen der kürzeste Weg nach Marinsk führte. Ausserdem sollten die Vorkehrungen für die Rückreise getroffen werden.

 Martianow hatte als Gehilfen einen alten Deutschen, der auch auf der vorigen Expedition beim Reinigen der Inschriftsteine behülflich gewesen war. Mit ihm begab sich mein Reisegefährte Wuori, mit einem Empfehlungsschreiben an einen von Martianows Bekannten versehen, frühmorgens an den Tuba um die dort befindliche Schrift zu kopieren; ich blieb in Minussinsk um die Rückreise vorzubereiten, Leider sind die Sibirier Meister in der Zeitverschwendung. Erst am folgenden Morgen führte man Wuori von dem Dorfe Tesinskoje über den Tuba, von wo er mit seinen Kopien am Abend nach Minussinsk zurückkehrte.48) — — — Um die Inschriftsteine am Uibat kopieren zu können hatte ich beschlossen, den Heimweg über diesen Fluss zum Jus zu nehmen. Die wenigen Tage Verzögerung, die dieser Weg für die Rückreise bedeutete, hofften wir auf der Weiterreise im Wagen von Tomsk aus nachholen zu können. — — — Am 2. Oktober fuhren wir von Minussinsk zum Abakan, und waren am folgenden Tage bereits in voller Arbeit am Uibat. Zum Führer erhielten wir den Starosten von dem Ulus Trajakowa Nikifor Damoschakow, der auch mit Bulanow gereist war, Er führte uns zuerst zu einem schon von weitem sichtbaren Grabe, das den Tataren unter dem Namen Tschalgis-Oba bekannt ist. Es ist ein schönes mit einem Zugang versehenes und von Randsteinen und Steinpfeilern umgebenes Steppengrab, das ungefähr 10 Werst WSW von der Mündung des Uibat und 6 Werst vom Ufer des Abakan liegt. Am nördlichen Ende steht ein hoher Pfeiler aus Granit (?), dessen eine Seite eine von jenen. eigenartig stilisierten Menschenmasken aufweist, von denen wir schon auf der letzten Expedition eine grosse Anzahl abgebildet hatten; an der Ostecke liegt ein zweiter mit einem mächtigen Menschengesicht verzierter Steinpfeiler aus Granit (?) am Boden. Das Grab verdient deswegen Beachtung, weil wir im vorigen Jahr an Gräbern dieser Art keine Bildsteine angetroffen haben.49

 Von hier aus sichtbar und in einer Entfernung von 2 Werst nordwestlich sowie 12 Werst von der Mündung des Uibat und 4 Werst von dessen rechtem Ufer liegt der s.g. Kara-Kurgen (Schwarzer Kurgan), an welchem der von Castrén gefundene Inschriftstein steht. Diesen Stein, den Castrén fand, als er nach dem von Pallas abgebildeten suchte, hatte man, wie auch die obengenannten, bisher auf dem linken Ufer des Flusses gesucht. Der Kara-Kurgen ist ein grosses von zahlreichen Steinpfeilern umgebenes Hügelgrab. Auf der Schmalseite des mittelsten Steinpfeilers an der Ostseite des Grabes befand sich eine einzeilige Inschrift, die an beiden Enden undeutlich war. Bei unserer Arbeit überraschte uns der Sonnenuntergang; an einem mit Steppengras unterhaltenen Feuer konnten wir aber die Abklatsche trocknen. Dort fiel mir noch ein anderer Grabstein auf, dessen Breitseite mit Zeichen derselben Art bedeckt zu sein schien, die aber zum grössten Teil gleichsam abgeschält worden waren; die Dunkelheit verhinderte eine genauere Untersuchung derselben.

 Jetzt fuhren wir auf das linke Ufer des Flusses herüber zu einem Stein Usun-Oba («der hohe Stein»), wo Bulanow einen zweiten Inschriftstein gefunden hatte, ungefähr 15 Werst westlich von der Mündung des Uibat und 3 Werst von dessen linken Arm. An allen Ecken des Grabes stehen ungewöhnlich hohe Steinpfeiler mit eingegrabenen Bildern, von welchen Appelgren auf der vorigen Expedition einige abgezeichnet hatte. Damals fanden wir keine Inschriften am Grabe. Eine solche befindet sich aber an der nordwestlichen Seite des Grabes, am oberen Ende eines langen, ungefähr 1 m aus der Erde hervorragenden Wandsteines, und sie besteht aus 3 zum Teil undeutlichen Zeilen. Es war dunkel, als wir am Grabe anlangten, so dass man kaum die hohen Steinpfeiler gegen den Himmel unterscheiden konnte. Wir hatten deshalb Brennholz mitgebracht und machten vor der Inschrift ein Feuer an, in dessen Schein das Kopieren vorsichgehen konnte und über dem auch die Abdrücke trockneten. Nachdem wir Tee getrunken, fuhren wir von dort noch 15 Werst den Uibat aufwärts nach der Station Tutatskaja, wo wir übernachteten. Hier hatte Bulanow auf seiner Reise einen Goldgrubenbesitzer, namens Alexander Kusnetzow (einen Bruder des Innokent K.), der im Sommer ungefähr 35 Werst westlicher an den Quellen des Kamyschtá in der Nähe des Usunschul wohnt, getroffen und von ihm gehört, dass auch dort (am Kamyschtá oder Usunschul) zwei Inschriftsteine gefunden worden waren. Am Morgen traf ich eine Wagenkolonne von Kusnetzows Arbeitern, die nach Krasnojarsk unterwegs waren, wohin er selbst schon für den Winter gezogen war, aber diese Leute wussten nichts von den Steinen. Um ein ergebnisloses Suchen zu vermeiden, habe ich später Martianow ersucht, sich bei Kusnetzow über jene Steine genauer zu erkundigen.

 Bemerkenswerte Felsenzeichnungen, die offenbar aus der Bronzezeit stammen, hatte Bulanow an einem Abhang des Kisil-Kajáberges 5 Werst südlich von dem Uluss Kobilkowa entdeckt. Es scheint, als ob sie Zauberhandlungen darstellten. Man erkennt dort viele Kessel von der bekannten Vasenform. Neben einem Kessel steht ein Mann und rührt dessen Inhalt mit einem Stock um, von der entgegengesetzten Seite nähert sich ein anderer dem Kessel und streckt gleichsam mit einer Gebärde des Entsetzens die eine Hand mit ausgespreizten Fingern gegen ihn aus. Von links nähern sich den Kesseln sowohl reitende als schlittenfahrende Personen. Nahe bei dieser Gruppe erhebt sich rechts eine andere Felswand, die eine Gruppe von Kämpfenden auf Schlitten, zu Pferde und zu Fuss aufweist. Es ist möglich, dass die Gruppen mit einander im Verbindung stehen, aber die weiche Sandsteinfläche ist stark verwittert, so dass an vielen Stellen Bilder verschwunden sind. Die Figuren sind roh ausgeführt, eingehauen und zum Teil auch eingeritzt, das Geschirr der Reitpferde ist eigenartig und verdient Beachtung. Wuori zeichnete die Figuren mit klammen Fingern ab; der kalte und heftige Wind machte das Aufnehmen von Abdrücken unmöglich.50)

 Vom Uibat gelangt man nicht direkt zum Ak-Jus, wie nach der Karte zu vermuten wäre; man muss vielmehr einen Umweg über den Uluss Kuten-Buluk und die Dörfer Suchaja-Tes und Werch-Jerbinskaja machen bis zu dem Wege, auf dem wir im vorigen Jahre nach Minussinsk gekommen waren. Von diesem Wege zweigt sich in dem Dorfe Son ein südlicher Weg ab, den wir bis zu dem Uluss Pronk (oder Ajosch) am rechten Ufer des (Ak)-Jus verfolgten. Fünf Werst weiter aufwärts lag am Rande einer bewaldeten Gebirgsgegend Tochsas, der letzte tatarische Uluss am Jus. — — — Hier lag schon 10 cm hoher Schnee, und am Morgen des 7. Oktober herrschte Winterkälte, als wir uns im Schlitten zu der von Proskurjakow beschriebenen Grotte begaben. Nach einer Fahrt von 3 Werst wanderten wir noch ungefähr eine Werst im Schnee längs steilen Bergabhängen und über Bergpässe zu der Grotte, die sich hoch in einer Bergwand am rechten Ufer des Jus befand. Die Grotte, deren breite Mündung nach Süden liegt, erstreckt sich 36 m in den Berg hinein. Proskurjakow hatte im vorigen Juni in der Grotte eine ganze Woche gewohnt und in ihr Ausgrabungen vorgenommen; seine Arbeiter erzählten, dass man Tier- und Menschenknochen, sowie ein verziertes Tongefäss gefunden hatte. Von den dabei gefundenen Tierknochen lag noch ein Haufen in der Grotte. Die gesuchte Inschrift befand sich an der rechten Wand der Grotte, 9—10,60 m von der Mündung und ungefähr 1,80 m über dem Boden. Sie besteht aus 5 kurzen Zeilen, die 57 c 2,50 cm hohe Schriftzeichen enthalten. Stellenweise ist die schwarze Farbe so verwischt, dass man kaum das entsprechende Schriftzeichen erkennen kann. Vor der Inschrift stehen zwei mit roter Farbe gemalte Zeichen, von denen das erste einem geschriebenen E gleicht, Bemerkenswert ist es, dass die Inschrift jenes »einem Stundenglas ähnelnde» Schriftzeichen enthält, das früher nur an einem Inschriftstein am Ujug angetroffen worden ist. Die Inschrift wurde auf Pauspapier aufgenommen. Es war die zweiundzwanzigste und letzte auf dieser Expedition kopierte Inschrift.

 Von hier führte uns unser Weg über den Jus sowie über die Ulusse Tschebaki und Podkamen zu dem Dorfe Parna, am See Boshe-Osero wo ich einige Altertümer kaufte, weiter über das Dorf Nikolskoje nach der Poststation Itatskaja, die ich mit allen Mitteln zu erreichen suchte, um nicht auf Pferde warten zu brauchen und um die Reise auch zur Nachtzeit fortsetzen zu können. — — —

 In Tomsk langten wir am 11. Oktober vormittags an. — — — Adrianow, der im Sommer in der Gegend von Narym am Tym Altertümer gesammelt hatte (permische Typen: gegossene Bären- und Vogelfiguren, Anhängsel u. s. w.) teilte mir mit, dass er und Potjanin auf ihrer Reise durch die Mongolei einen neuen Inschriftstein abgebildet hatten. Die Abbildungen gingen bei einer Feuersbrunst in Irkutsk 1879 zugrunde. Dieser schöne Steinpfeiler der viele Inschriften enthält, steht dicht am Wege im Tale des Huakem, des linken Quellflusses des Jenissei, 40—50 Werst oberhalb der Flussmündung und ungefähr eine Werst vom Ufer; der Weg, der zu dem Wohnsitz des Fürsten oder »Ostschurda» des Sojotenstammes Saldschak führt, biegt gerade beim Steine rechts ab. Von Soldan, das 25 Werst unterhalb des Vereinigungspunktes des Beikem und des Huakem liegt, ist der Stein also 65—70 Werst entfernt.

 — — — Am Mittag des 13. Oktobers traten wir die 1500 Werst lange Fahrt im Tarantas nach Tjumen an. — — — Am 31 Oktober trafen wir in Helsingfors ein. — — — J. R. A.