- *) Das Grabfeld ist später von Adrianow im Отчетъ арх. 1889, Прилош. I, s. 99 publiziert worden. -Vgl. A. M. Tallgren Coll. Tovostin s. 13 B. ↩
Uluss Kostjanino den 23 Juli 1887.
Von Tomsk aus hatten wir die ganze Zeit Birkenwal-
dungen und mit Gras bewachsenes niedriges Hügelland
durchfahren. Nur selten sahen wir Äcker, obgleich der Weg
durch viele grosse russische Dörfer führte. Das Dorf
Ishimskoje an beiden Ufern des Jaja, soll, abgesehen von
Querstrassen 5 Werst lang sein. Soweit ich erfahren konnte, ist die
Viehzucht das Hauptgewerbe der Bevölkerung; daneben finden
die Männer in den Bergwerken Beschäftigung. Aus
Russland sollen oft Kolonisten anlangen, und auch wir sahen
einmal zahlreiche (30—40) Ansiedlerfamilien am Wege rasten
und ihre Mahlzeit einnehmen. Von Marinsk an soll das Land
besser angebaut sein; allein da unser Weg von hier in
südöstlicher Richtung ging, sahen wir fast nur unangebaute
Gegenden, wo russische Kolonisten hier und dort Dörfer
gegründet hatten. Über die Flüsse setzten wir auf Fähren
oder überschritten sie auf Furten. Eine grossartige Aussicht
bot sich uns dar, als wir an der Grenze zwischen den
Gouvernements Tomsk und Jenisseisk zum ersten Mal die
Steppen erblickten, hinter denen sich der s. g. Ural-Grat, die
nördliche Fortsetzung des von dem Sajanischen Gebirge
auslaufenden Alatau, in blauender Ferne im Halbkreis erhob.
Von Tomsk ab hatte ich jede Gelegenheit benutzt, mich
an den Stationen nach Altertumsfunden zu erkundigen, aber
erst beim Eintritt in das Steppengebiet erhielt ich die ersten
Altsachen, und zwar fast ausnahmslos in russischen Dörfern,
wo man Ackerbau trieb. In den tatarischen Ulussen
(Dörfern) hatte ich in dieser Hinsicht weniger Glück.
Die beiden ersten Grabhügel sahen wir auf einer Anhöhe
unweit des Kirchdorfes Barandot, aber erst in dem folgenden
Dorf Petschugina begann unser Ernte von »tschudischen »
Bronzegegenständen; für Messer bezahlten wir einen Preis von
10—30 Kop. das Stück, für bronzene Stangengebisse 30 Kop.,
bronzene Spiegel 40 Kop., Dolche 60 Kop. u.s.w. Dieser
Anfang, schon auf der Tomsker Seite der Gouvernements,
war ja ein gutes Vorzeichen. Wir passierten am 13, Juli, mit
der Fähre die genannte Grenze, sowie den Berjoshfluss
und kamen nach dem Dorfe Nikolskoje, 125 Werst von
Marinsk. Späterhin wurden die Funde häufiger und auf den
Steppen zwischen dem Tatarenuluss Soiloschok und dem
Dorfe Parna am Ufer des Boshe-Osero (Gottes See) sahen
wir die ersten, später nicht mehr seltenen, von Grabsteinen
umgebenen Tschudengräber in Gruppen von 40—70.
In dem folgenden Dorfe, Urak, besuchten wir ein
Grabdenkmal, auf welchem Inschriften sein sollten; es waren
jedoch nur gewöhnliche Jahreszahlen. Wir liessen hier ein
aus zwei Teilen bestehendes Grab ausgraben, eine Arbeit,
die nicht weniger als drei Tage in Anspruch nahm.
Unterdessen nahmen wir jedoch die Gräber dieser Steppe auf, und
machten uns mit ihren Formen vertraut. Mein Gefährte
zeichnete einige in die Seiten der Grabsteine grob eingehauene
Bilder ab, welche Gruppen von Menschen darstellten. Die
Gräber erinnern an Unterbauten von Häusern mit einem oder
einigen (2—3) nebeneinanderliegenden Zimmern, bisweilen
mit einem kleineren seitlichen Vorbau. Die Wände sind
durch in die Erde vergrabene Steinplatten angedeutet, deren
Ränder ein wenig aus der Erde herausragen. In jeder Ecke
der Kammer steht ein Steinpfeiler, der oberhalb der Erdober:
fläche oft etwa 3 m hoch ist; bedenkt man, dass er dabei
1 bis 2 m breit und fast 30 cm dick ist, so versteht man,
welchen Kraftaufwand der Transport und die Aufrichtung eines
solchen Steines erfordert haben müssen. Sie sind von den
umliegenden Bergen herbeigeholt worden, deren oberer Teil
aus übereinanderlagernden Schichten von schieferartig sich
spaltendem Sandstein besteht (Abb. 103). Die Breitseiten abb-103-087.html
der Steinpfeiler stehen immer mit den Endseiten des Grabes
parallel; die Langseiten der Grabwände verlaufen in
nordsüdlicher (richtiger NNW—SSO) Richtung. Der zwischen
den Wänden von schwarzer Erde aufgeworfene Hügel ist
gewöhnlich nur ungef. ½—1 met. hoch. zusatz 2)
Wir hatten über Ushury zum Jenissei fahren wollen,
aber änderten diese Absicht, als wir von dem Geistlichen
des am südlichen Ufer des Boshes-Osero liegenden Dorfes
Duma erfuhren, dass sich am östlichen Ufer des Sees ein
Inschriftstein und 30 Werst südlicher, an dem in den Kara
( = Schwarzen) Jus mündenden Sietschiska unweit vom
Dorte Suljek (ungef. 4 Werst vom KararJus) ein Felsen mit In-
schriften befanden. Wir beschlossen also, wie ich glaube,
zu unserem Glück — den südlichen Weg zu nehmen. An den
Grabsteinen, die wir auf den Steppen bei dem Boshe-Osero
und dem südlicher gelegenen Maloje-Osero fanden, entdeck-
ten wir viele grob ausgeführte Zeichnungen und an sämtlichen
Ecksteinen eines Crabes dieselben einer Hausmarke ähneln-
den Zeichen, aber keine Schrift. zusatz 3)
Um so ertreulicher war der Fund des obenerwähnten
Felens Pisannaja-Gorá bei Suljek, der zwar in der Literatur
genannt wird
*),
dessen Bedeutung aber als altes
Kulturdenkmal bisher nicht zur Genüge anerkannt worden ist. Ausser
grob ausgeführten Bildern sieht man an der Felswand sowohl
Inschriften mit den von uns gesuchten Schrittzeichen als auch
Proben einer hochstehenden Zeichenkunst. Bei einer näheren
Untersuchung der Bilder und Inschriften lässt sich erkennen,
dass die groben mit Steinhacken eingehauenen Bilder, wie sie
auch autf den Grabsteinen der Bronzezeit vorkommen, Junger
sind als die eingeritzten künstlerischen Zeichnungen, die also
auch der Bronzezeit angehören müssen. Der eine von den beiden
Künstlern — soviel ich verstehe, müssen es ihrer wenigstens zwei
gewesen sein — hat mit demselben scharfen Werkzeug sowohl
Bilder wie auch Schriftzeichen eingeritzt. Die Bilder stellen
Elentiere, Böcke, Wildschweine, Tiger, Bären, Hasen, Kamele
und Hunde dar, wie auch Jäger zu Fuss oder zu Pferde. Die
»ruhigeren» Bilder des einen Künstlers erinnern meiner Meinung
nach an die Kunst der Sassaniden; der andere lässt seine Elche
und Reiter mit rasender Schnelligkeit bergab eilen. Diese
Bilder und Schriftzeichen sind zum grossen Teil so fein, dass man
sie nicht auf mechanische Weise abbilden kann; mein Gefährte
hat sie von der 4 m breiten und 2½ m hohen Felswand
mit Bleistift in vier Tagen abgpezeichnet. Nur an zwei
anderen Stellen, am Abhang desselben Berges und an Ader
Soljannaja-Gorá, fand ich einige andere Zeichnungen
von künstlerischem Wert, von denen die letztere einen
gepanzerten Reiter darstellt, der mit einer zweischneidigen
Axt, einem Bogen und einem Speer versehen ist und den
letzteren gegen einen knicenden Bogenschützen schleudert.
Die grob eingehauenen Bilder an der Felswand sind
zahlreich und bilden manchmal grössere Gruppen. Sie
erinnern sehr an die in Schweden vorkommenden
Felsenzeichnungen und enthalten oft wie diese mytische Motive. Tiere,
stehende und reitende Menschen sind zahlreich vertreten.
Unter den abgebildeten Geräten fällt besonders ein Gegen:
stand auf, der einer Lampe gleicht und sehr oft neben den
Darstellungen wiedergegeben ist. zusatz 4) — — —
J. R. A.
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- *) M. A, Castren, SMYA. XXI: S. 7—9 nennt ihn allerdings den Utschum-Felsen. ↩