Brief IV. U.S. 7. IX. 1887, N:o 206.
Minussinsk den 4 August 1887.


  In dem vorigen Briefe, den ich am 23 Juli aus dem Tataren-Uluss Kostnahjanino absandte, erwähnte ich nicht, dass die hiesigen Tschuden auf den Bergen Burgwälle, — — gehabt zu haben scheinen. Der russische Natur- und Altertumsforscher D. Klementz kennt zwei südlicher gelegene Burgwälle, die an den Quellen des Kamyschtá und des Ninja am Abhang des Alatau, an der westlichen Grenze der Steppen liegen. Wir erhielten Kunde von drei solchen Burgwällen, von denen der eine 3—4 Werst westlich von dem Dorfe Parna am Boshe-Osero liegt, der zweite 9 Werst von dem am südlichen Ende desselben Sees belegenen Kirchdorfe Duma, auf einem Berge am südlichen Ende des Maloje-Osero, der dritte, den Appelgren abbildete, auf dem Orgaberge, 4-5 Werst südlich vom Dorfe Podkamen. (Abb. 94, Abb. 95). Es sind niedrige Wälle aus platten Steinen, ohne Lehm aufgeführt; die steilen Berge sind an und für sich vorzügliche Festen. Im Burgwall bei Parna sollen auch Wallgräber vorhanden sein.

  Als wir am 24 Juli dabei waren die letzten Kopien in natürlicher Grösse von den eingentlichen Inschriften an dem im vorigen Briefe genannten Suljekfelsen fertig zu stellen, überraschte uns ein heftiges Ungewitter, das den ganzen Tag dauerte und uns vollständig durchnässte. (Den gedeckten Tarantas hatten wir in dem Uluss gelassen). Wir mussten zurückehren um die Kleider zu trocknen, und erst am folgenden Tage wurde die Arbeit am Inschriftfelsen zu Ende geführt, worauf wir uns nach dem am Kara-Jusflusse liegenden Uluss Podkamen begaben. Von dort ritt Appelgren in Begleitung eines Tataren zu dem oben erwähnten Burgwall, während ich die in der Nähe des Dorfes, aber auf dem jenseitigen Ufer des Flusses belegene Höhle aufsuchte, ohne jedoch irgendwelche Spuren von Inschriften entdecken zu können. Wir hatten beabsichtigt um 6 Uhr abends unsere Reise fortzusetzen, waren aber durch Scherereien mit dem dortigen Polizeibeamten (»Sasedatel») gezwungen, in Podkamen zu übernachten, besonders da wir unterwegs wenigstens ein Steindenkmal abzuzeichnen hatten und der Tag ja ziemlich kurz war. zusatz 5)

  »In Sibirien ist Zeit nicht Geld», auch sieht man in den Tataren-Ulussen keine Uhren. Beinahe jeden Morgen sind wir um 4 Uhr aufgestanden, um möglichst früh auf der Steppe sein zu können, aber selten langt der Kutscher mit seinen Pferde vor ½ 7 Uhr an. Dann fragt er noch, ob er anspannen soll. Wir waren etwa 4 Werst von Podkamen aus auf die Steppe hinausgefahren, als wir einen Hirten trafen, der uns zu einem (Grabstein mit Zeichnungen führte. Es waren Menschen- und Tierbilder, mit wenigstens ebenso fester Hand gezeichnet, wie die besten Zeichnungen an den Felswänden bei Suljek. zusatz 6) (Abb. 96) — — —*).
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*) Aspelins Ansichten über das abgebildete Motiv, s. J. S. Fi.-Ougr. VIII, s. 129, Types de peuples de l’ancienne Asie centrale.



  In der Nähe fand ich einen Grabstein, in welchen die selbe oder eine gleich geschickte Hand das etwa 20 cm hohe Bild einer anscheinend vornehmen Person im Profil eingeritzt hatte. Ihr priesterliches Aussehen, die Amtstracht, Mütze und die übrigen Insignien erinnerten mich und meinen Reisegefährten an assyrische Abbildungen. zusatz 7)

  Zwei Vertiefungen auf dem bei dem erstgenannten Stein befindlichen grossen Grabhügel beweisen, dass das betr. Grab wenigstens zum Teil geplündert worden ist; aber das »Priestergrab» war, wie überhaupt alle von uns bisher besuchten kleineren Gräber, unangetastet geblieben. Sehr wichtig wäre es gewesen, solche von einer hohen Kultur zeugenden Gräber zu untersuchen, doch mussten wir aus Zeitmangel davon absehen; das Abzeichnen der Ritzungen nimmt an und für sich viele Stunden in Anspruch; auch wäre es schwierig gewesen von der Steppe aus nach Wasser zu schicken um einen mechanischen Abklatsch von den Bildern zu nehmen, deren tiefere Einritzungen diese Methode ermöglicht hätten.

  Brief IV (Forts.). U. S. 9. IX. 1887, N:o 208.

  Auf der Reise nach dem Uluss Batanakowo fanden wir zwei Steinfiguren von Weibern. Die eine, die wie ein Meilenstein am Wege gestanden hatte, war vor einigen Jahren zerschmettert worden, sodass nur zwei unförmliche Teile des Rumpfes übrig waren; den Kopf soll ein »Isprawnik» weggenommen haben. Die andere war unversehrt und stand auf einem Grabe. In die östliche Schmalseite dieses Steines waren das grossäugige Gesicht, die Brüste und die Kopfbedeckung eines Weibes eingehauen (Abb. 105). Beide Steine waren unter dem Namen »Steinmädchen» (= Каменная девка Vgl. Inscr. de l’Jénis., fig. 9) bekannt. Die Letztgenannte Figur befand sich eine Werst nordöstlich von Batanakowo zusatz 8).

  Nach weiteren drei Werst in derselben Richtung kamen wir an eine Stelle, wo Spuren einer früheren Behausung sichtbar waren. Später erfuhren wir, dass sich dort, unweit des Weges, ein viereckiges etwa 1,20 m hohes steinernes Fundament befindet, dessen Seiten c. 10 m lang sind und welches »das Tschudenhaus» genannt wird. Es ist das einzige *) Denkmal seiner Art, von dem ich habe sprechen hören.— —
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*) Vgl. unten Abb. 292, Zusatz N:o 41.

  Das erste russische Dorf, wohin wir wieder gelangten, hiess Farpus oder Soljanoserskaja am Ak-(Weissen) Jus. Wir erfuhren, dass 40 und 70 Werst stromaufwärts sich Felsen mit Inschriften befinden, von denen besonders die entferntere, 20 Werst von dem Uluss Toksas befindliche, wichtig zu sein schien, aber man warnte uns jetzt zur Zeit des Hochwassers hinzufahren. Den Tarantas könne man nur ungefähr 30-40 Werst benutzen und auch zu Pferde sei es schwer weiter zu kommen, mehrmals müsse man über den Jus waten. Wir beschlossen daher vorläufig zum Jenissei und von der Mündung des Jerba längs dem westlichen Ufer des Jenissei südwärts zu fahren um die dortigen Inschriftsteine zu untersuchen. Unterwegs bildeten wir hier und dort ziemlich gut erhaltene Skulpturbilder ab. 9) Ein früher an der Quelle des Jerba (2-3 Werst vom Uluss Werchne-Jerba) stehender Stein mit Inschriften war jetzt weggebracht worden, niemand wusste wohin. Man vermutete, dass der Pope von Abakanskoje ihn weggeschleppt habe. An dem Platze, wo der Stein gestanden hatte, war nur eine ungef. 1,20 m lange und 0,60-1,20 m breite Grube zu sehen. 10) Dagegen fanden wir 6 Werst südlich von dem Dorfe Snamenskaja, das Steinbild eines Mannes, das Strahlenberg schon früher veröffentlicht haben dürfte, und das auf der Rückseite eine schon damals zum Teil verwitterte Schrift trug. Rings um die Steinfigur war der Boden eingesunken und bildete eine Grube, und das Bild, dessen Gesicht früher gegen Osten gewandt war, lag jetzt am Boden, vermutlich — wie die Bauern annahmen — von hier weidendem Vieh umgeworfen. Von der Schrift wurden, ausser einer Zeichnung, zwei Abklatsche auf nassem Papier genommen. zusatz 11)

  Bei Snamenskaja fanden wir zu beider. Seiten des Jerba viele Werst lange und ein paar Meter breite Kanäle, mittelst welcher die Tschuden das Wasser des Jerba auf die Steppen geleitet hatten um diese zu bewässern. Einer dieser Kanäle lief eine Werst am Fluss entlang, bevor er nach der Steppe zu abbog. Zwischen Kanal und Fluss war stets ein Erdwall aufgeworfen. zusatz 12) Erst nachdem wir das Dorf verlassen hatten, erfuhren wir, dass südlich vom Flusse sich Reste von zwei »Ischudenhöfen» befinden sollen, der eine unweit des Dorfes, der zweite in der Nähe des Karowaberges nicht weit von der obengenannten mit Inschrift versehenen Steinfigur. Die Höfe sollen etwa 10 russ. Faden im Querschnitt messen und mit einem Erdwall umgeben gewesen sein.

  Wir setzten die Reise über Ust-Jerbinskaja nach der Fähre von Abakanskoje fort, wo am Ufer des Jenissei in die Felsen rohe Menschen- und Tierbilder eingehauen waren, ferner Hausmarken ähnliche Zeichen, das Bild einer Lampe von einer Form, die uns auf vielen Grabsteinen und Felsen begegnet war, sowie drei schwarzgefärbte mongolische Inschriften, die N. Stschukin 1841 nach eigener Angabe kopiert und übersetzt hatte, und von denen Castren seinerzeit eine für Frähns Rechnung kopiert hatte. Sie dürften nur 200- 500 Jahr alt sein. Der Fels spaltet sich und ein Teil der Abbildungen, von denen nicht viele übrig geblieben sind, war bereits in den Fluss gefallen. zusatz 13)

  Bessere und schöner geformte eingehauene Bilder sahen wir an Grabsteinen etwa eine Werst südlich von der Fähre, als wir nach dem Dorfe Borodino fuhren, zusatz 14) aber von einer Felsenzeichnung bei dem Dorfe Kopjo, 14 Werst unterhalb der Fähre von Abakansk wie auch von anderen an der Mündung des Tes befindlichen Zeichnungen erhielten wir leider erst später Kunde.

  Von Borodino aus führte uns ein Tatar am letzten Juli gegen Abend 7 Werst ostwärts an einen niedrigen Berg Namens Krasnij-Kamen, wo sich ungefähr 40 von Steins pfeilern umgebene Steinhügelgräber befanden. An der Ostseite eines solchen Hügels lag ein umgefallener Stein, in dessen Schmalseite das Gesicht eines Mannes mit breitem Munde und in dessen Breitseite verschiedene Figuren nebst den Bildern eines stehenden und eines kopfüber fallenden Mannes eingehauen waren (Abb. 130). An der Westseite desselben Steinhügels lag ein anderer Stein (Abb. 131). — — — Die Dämmerung unterbrach die Kopierarbeit und wir beschlossen auf der Steppe an einem in der Nähe befindlichen »Tabar» zu übernachten. zusatz 15) Es war dies eine Einhegung, in die ungefähr 700 Schafe und 10 Kühe, tatarische Handelsware, ein gepfercht waren. Neben der Umzäumung war aus Lärchenrinde ein Obdach errichtet. Wir kochten Tee in einer grossen Kaffeekanne und tranken aus Holztassen; der Hirt hatte Brot und in dem Tarantas schliefen wir gut bis 4 Uhr morgens; die Sonne ging auf, die Herde wurde auf die Steppe getrieben und der reitende Hirt hielt sie durch Rufe zusammen. Nach dem Frühstück beendigten wir unsere Kopierarbeit und fuhren über weglose Steppen nach dem Uluss Krasnij-Jar am Ufer des Jenissei, von wo wir in einem Einbaum 6 Werst den Fluss hinabruderten um die Bilder des Aglaktijberges zu kopieren.

  Die Bergwand erhebt sich direkt aus dem Wasser und die Bilder reichen bis zu einer Höhe von 4 oder 5 m hinauf; sie sind gewiss mit Hülfe einer Flosses und von Gerüsten aus mit Meissel und Hammer eingehauen worden. Die hier abgebildeten Tiere haben schöne’ Formen und die Männer sind meistens mit zweispitzigen Mützen versehen, welche an jene bekannte Pelzmütze erinnern, deren Krempe den Mützenkopf überagt. Vom Kahn aus oder auf den Felsenabsätzen stehend kopierten wir mit angefeuchtetem Papier und durch Zeichnen alles, was uns erreichbar war. Die auf den Zeichnungen dargestellten Gruppen sind meistens schwerverständlich und besonders die dort abgebildete Fauna verdiente ein näheres Studium. Den Kahn durch die engen, zwischen den Inseln sich schlängelnden Arme des Jenissei aufwärts stossend und schliesslich zu Fuss gelangten wir im Dunkel zum Uluss zurück. zusatz 16)

  Am folgenden Morgen fuhren wir bei Petroschilowo mit der dortigen Fähre über die drei Arme des Flusses und langten am Abend in Minussinsk an. Vom Jerba an hat- ten wir in den meisten russischen Dörfern Gelegenheit gehabt, »tschudische» Altertümer zu kaufen.

  In dem hiesigen Museum befinden sich zurzeit mehrere Inschriftsteine, die wir kopieren. — — — J. R. A.

  Brief V. U.S. 2. X. 1887, N. 228.
Minussinsk den 5 September 1887.


  — — — Im J. 1876 gründete der Apotheker Martianow in Minussinsk die Bibliothek und das Provinzialmuseum, in welchem Sammlungen aus allen Gebieten der Naturwissenschaften, der Ethnographie, der Wirtschaft sowie endlich der Altertumskunde zusammengebracht worden sind. Das Museum enthält jetzt 7 Zimmer. Es ist durch Schenkungen von Privatpersonen zustande gebracht worden. Ein neues steinernes Haus für desselbe ist gegenwärtig im Bau, eine Unternehmung, die sich ebenfalls auf Privatmittel und Geschenke stützt. An der hierzu nötigen Summe, 20000 Rubel, fehlen noch 7000; aber die Mauern stehen schon bis zum Dach fertig da; als Arbeiter werden Gefangene verwendet.

  Die archäologischen Sammlungen sind bereits sehr reichhaltig; so enthalten sie schon ungefähr 600 bronzene Messer und 2000 eiserne Pfeilspitzen. Wir mussten auf ein Studium dieser für die Kenntnis der hiesigen Bronzezeit überaus wichtigen Sammlungen verzichten um uns dem Kopieren der hierher gebrachten Inschriftsteine widmen zu können. Es gibt deren hier schon acht: drei, die Castrén und andere in das Dorf Schuscha gebracht hatten, von wo sie Martianow nach Minussinsk holen liess, zwei aus dem Dorfe Judinaja am Abakan und drei aus dem Uluss Tschirkowo am Uibat.

  Beim Kopieren der Steine hatte man vor uns »die Castrénsche Methode» angewandt. Castrén hatte nämlich die Schriftzeichen schwarz, die Oberfläche der Steine weiss gefärbt, sodass es leicht war, jene auf durchsichtigem Papier zu kopieren. Allein die Methode war unrichtig angewandt worden. Schon in Helsingfors hatte ich beim Untersuchen der von hier erhaltenen Kopien einen Stein ausser acht gelassen, weil seine Schriftzeichen von den übrigen bedeutend abwichen. Hier bemerkten wir bald, dass die meisten Schriftzeichen an jenem Stein durch das Übermalen entstellt worden waren. Er enthielt eine ganz fremdartige Schrift, die Herr Klementz im letzten Herbst in dem Museumskataloge *) veröffentlicht hatte. Bei sorgfältiger Untersuchung, sagt er, habe man da nur 2 Schriftzeichen herausfinden können, an denen man »kaum eine halbe Ähnlichkeit» mit der »Runenschrift» habe feststellen können. An dem Stein, den man als eine eigentümliche Abweichung von den übrigen Steinen auf einem anderen Platze aufbewahrte, hatte man jene unbekannte und schwerverständliche Schrift mit grosser Sorgfalt schwarz gefärbt. Nachdem wir die übrigen Steine abgebildet hatten, beschlossen wir auch von diesem Steine einen Abklatsch zu nehmen. Ein nasses Blatt Löschpapier wurde auf dem Stein ausgebreitet, und bald traten die Schritzeichen unter den Bürstenschlägen deutlich hervor. »Das ist ja die gewöhnliche Schrift», rief schliesslich mein Gefährte aus.
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*) Д, Клеменцъ, Древности Минусинскаго Музея, атласъ, Табл. XVII.

  — Es war der abgebrochene obere Teil eines Inschriftsteines, dessen Schriftzeichen englinig waren, die aber sonst in keiner Hinsicht von den früher gefundenen abwichen. Um uns von dem irreführenden Einfluss der Malerei zu befreien, machte mein Gefährte eine Zeichnung von dem Steine, während er das Löschpapier auf demselben trocknen liess, so dass die Schriftvertiefungen deutlich zu sehen waren. Zur Erklärung der unfreiwilligen Mystifikation gab Martianow an, dass ein Malergeselle den Auftrag erhalten hatte alle Vertiefungen auf der Oberfläche des Steines schwarz anzustreichen, und diesen Auftrag mit grosser Sorgfalt ausgeführt hatte, ohne zu ahnen, dass seine gewissenhafte Arbeit ein schlagendes Beispiel dafür geben sollte, wie »Castréns Methode» missbraucht werden kann.

  Unsere Verfahrungsweise beim Kopieren ist folgende. Zuerst werden von jedem Stein zwei Bilder gezeichnet, von denen jedes je eine Breit- und Schmalseite des Steines nebst Inschriften wiedergibt. Die Lage und das gegenseitige Verhältnis der Inschriften werden dadurch verdeutlicht. Dann werden von allen sowohl deutlichen als undeutlichen Schriften wenigstens zwei Abklatsche auf Löschpapier genommen. Schliesslich wird ein solcher Abklatsch mit dem Original verglichen, wobei mit dem Bleistift angegeben wird, welche Linie deutlich und welche undeutlich ist. Die anderen Abklatsche werden ohne irgendwelche Vermerke der Kritik überlassen. Einen grossen Vorteil besitzen wir darin, dass wir die Formen der Schriftzeichen schon im voraus gesammelt haben, weshalb wir die von ihnen abweichenden Linien in der von der Witterung angegriffenen Fläche des Steines mit kritischeren Augen als frühere Forscher betrachten und die Formen der verwitterten oder direkt abgeschliffenen Schriftzeichen interpretieren können. Bei der Veröffentlichung sind selbstverständlich solche im Verschwinden begriffenen Schriftzeichen von den deutlich erhaltenen durch Punktierung zu unterscheiden. Unter den von uns in Minussinsk abgebildeten Steinen befindet sich jener schöne Stein, der von allen bekannten »Runensteinen» der längste ist und den ich früher (Aspelin Antiquités 336) nach Strahlenberg veröffentlicht habe und an welchem die Tataren ihre Äxte zu schleifen pflegten. Nicht einmal an diesem Stein gibt es viele vollständig abgenutzte Schriftzeichen.

  Nachdem wir zum Kopieren dieser Steine 8½ Tage verwendet hatten — Castrén, dem die Hilfe eines IngenieurOffiziers zur Verfügung stand, brauchte, wie er selbst berichtet, zum Kopieren eines Steines eine ganze Woche — konnten wir unsere Reise fortsetzen. Wir hatten uns hier voneinander trennen und verschiedene Richtungen einschlagen wollen, allein Pastor Granö und sein Küster, von dem er grossen Nutzen für uns erhofft hatte und der meinem Gefährten wenigstens als Dolmetscher gute Dienste geleistet hätte, waren noch nicht angelangt; Klementz befand sich auf einer geologischen Expedistion nach den Quellen des Abakan und der frühere Kopist der Inschriftsteine, der Künstler Stankewitsch, war von seinem neuen Amt als Akzisenbeamter in Anspruch genommen.

  Am 13. August machten wir uns von Minussinsk auf den Weg zum Abakan. Auf der ersten Strecke passiert man drei Fähren, nämlich über einen sich bis zur Stadt erstreckenden Nebenarm des Jenissei, über den Jenissei selbst und über den Abakan, — — — weshalb wir erst um 6 Uhr morgens in dem Dorfe Abakanskoje anlangten.

  Hier kauften wir Altertümer und fuhren dann den Aba- kan und den Uibat aufwärts. Pallas hatte seinerzeit am Uibat 15 Werst oberhalb der Mündung des Flusses ein paar Inschriftsteine gefunden. Castrén hatte sich vergebens nach ihnen erkundigt aber schliesslich selbst einen neuen gefunden, von dem er Frähn eine Kopie sandte. Leider gab er noch viel ungenauer als Pallas seine Fundstelle mit den Worten an: »auf den Steppen von Katschinsk in der Gegend von Uibat»; die Steppe ist nämlich mindestens 40 (Quadratmeilen gross und der Uibat, der die westliche Grenze der Steppe bildet, über 100 Werst lang. Umsonst erkundigten wir uns in allen Ulussen nach jenen Steinen und besuchten andere Steine, an denen wir nur gewöhnliche roh eingehauene Menschen- und Tierbilder sowie Hausmarken fanden. Nach der Ansicht der Bevölkerung sind auch die letzteren Inschriften (pismena). zusatz 17).

  In dem wolhabenden tatarischen Uluss Tschirkowo am Ufer des mittleren Uibat blieben wir 4½ Tage, denn diese Gegend hatte dem Minussinsker Museum 3 Inschriftsteine geliefert, von denen der von Strahlenberg veröffentlichte auf schmutzigem Sandboden, die zwei anderen am Uferabhang des Flusses gelegen hatten. Ich liess die Plätze ausgraben, fand aber keine Gräber; nur einige Tierknochen, vielleicht Reste von Opfern der Schamanen, kamen zum Vorschein. In die Schmalseiten zweier Inschriftsteine sind Menschengesichter eingehauen. zusatz 18) Es fiel mir jetzt auf, dass alle Stein- skulpturen, die wir gesehen hatten, entweder einzeln auf der flachen Steppe stehen oder auch um solche Hügel herum, die zum grössten Teil aus Steinplatten aufgehäuft sind, und dass sowohl bei diesen Steinhaufen als auch bei den Erdhügeln die Breitseite der Steinpfeiler ostwestlich oder richtiger von NO nach SW gerichtet ist. Diese Beobachtung bestätigte durch viele neue Beispiele mein Gefährte, der unterdessen mit unserem Wirt an den Quellen des Birja gearbeitet hatte. Ähn liche Gräber trıfft man oft am Uibat an, und die grösste Gruppe liegt 4½ Werst südlich von dem Uluss Tschirkowo, etwa 2 Werst von dem Ufer des Bei. Sie besteht aus mehr als hundert meistens mit aufrecht stehenden Steinen umgebenen Gräbern, von deren Hauptmasse eine lange Reihe Steinpfeiler wie ein Schwanz nach Süden ausläuft. Die Tataren nannten diese Gruppe Tschaatas oder Heersteine (vgl. schwed. »härstenar»). Auch in jener Gruppe finden sich viele Steinskulpturen, aber vergebens suchten wir an den Steinpfeilern zuverlässige Spuren von Inschriften. Eine Beobachtung, die sich uns aufdrängte, war, dass diese Steinhügelgräber in der Regel viel gründlicher aufgewühlt worden sind als alle anderen Gräber, was an die Klage der russischen Grabplünderer im Anfang des letzten (XVIII) Jahrhunderts erinnert, dass die reichen Gräber schon alle ausgegraben worden seien. Einen Hügel, den ich für ein vergessenes Grab hielt, liess ich ausgraben, aber der ungerührte Boden bewies nur, dass er durch das Aufwühlen der umliegenden Gräber enstanden war, und aus dem Humus kam nichts anderes zum Vorschein als eine Scherbe von einem Tongefäss, das mit viereckigen Stempeln verziert war, sowie ein Stück vom hinteren Teile eines Schädels. Bei der Untersuchung einiger zerstörter Gräber bemerkte ich, wie an den Aussenrändern des Parallelogrammes aus Steinplatten eine 30 cm hohe Mauer mit Sorgfalt errichtet worden war; auch innerhalb eines Grabes (= Steinhaufens) war eine ebensolche Mauer von der Oberfläche der Erde aufwärts deutlich zu sehen. Welcher Art hier die Einfassung des unterirdischen Grabes gewesen war, liess sich nicht ausmachen, aber aus einem anderen Grabe kam eine vollständige 1 Meter lange aus Steinplatten hergestellte Kiste zum Vorschein. In Anbetracht der Steinskulpturen und der mit solchen versehenen Inschriftsteine wäre eine neue Untersuchung dieser Gräber, falls intakte Gräber nicht gefunden werden sollten, von Wichtigkeit. Vorläufig lassen sich jedoch ein paar Vergleichspunkte anführen. An vielen Steinskulpturen und auch an einem Inschriftstein laufen zwei parallele Linien quer über die Nase zu den Ohren. Ähnliche, aber aufgemalte Linien, die wahrscheinlich Tätowierung andeuten sollen, weisen einige in Gräbern gefundene Gipsmasken auf.*) Da solche Masken sowohl am Abakan als auch auf einer grossen Insel des Jenissei (Tagarskij Ostrow) in der Nähe von Minussinsk in bronzezeitlichen Gräber gefunden worden sind, scheint Anlass zur Annahme vorzuliegen, dass die Steinskulpturen und Inschriftsteine der Bronzezeit angehören. **) Es bleibt abzuwarten, ob wir auf unserer Reise noch bessere Beweise für das Älter der Schriftsteine bekommen werden. zusatz 19)
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*) Vgl SMYA XXIX: 2: fig. 9.
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**) Vgl. SMYA XXIX: 2, S. 16 und XXXIV: 1, S. 32.