Nachdem ich auf der Steppe zwischen dem Bei und dem Ninjatal, wo kaum ein einziges Grab zu finden ist, von dem am Fusse der Berge liegenden Uluss Sagaisk bis zum Uibat einen von Messerschmidt in dem Tale des Bei ent- deckten und von Klaprot veröffentlichten Inschriftstein vergebens gesucht hatte, fuhren wir während einer Sonnenfinsternis längs dem Uibattal zurück. In den Ulussen versprach ich den Tataren einen Rubel für jeden wirklichen Inschriftstein, den sie uns bei unserer Rückreise zeigen könnten, und auf ein Brett zeichnete ich eine Reihe von Schriftzeichen um ihnen deutlich zu machen, was wir suchten.


  Brief V (Forts.). U.S. 4. X. 1887, N:o 229.

  Am folgenden Tage kopierten wir am Kamyschta auf der Suche nach einem von Pallas veröffentlichten, mit Zeichen versehenen Stein, den wir auch fanden, auch eine Anzahl Zeichnungen auf den hier zahlreichen Grabsteinen. zusatz 20) Das Wetter, dass sich ein paar Tage vor der Sonnenfinsterniss aufgeheitert hatte und während der Finsternis am schönsten war, war wieder kalt und regnerisch geworden. Es war daher angenehm, die Tatarenjurten gegen das Adelsquartier im Dorfe Askys zu tauschen, wo wir um 11 Uhr Abends eintrafen. Hierher hatte uns Martianow alle seit unserer Abreise von Minussinsk eingelaufenen Briefe gesandt, deren Lektüre wir uns den ganzen folgenden regnerischen Tag widmeten. Es war der erste Ruhetag nach langer Arbeitszeit.

Strahlenberg hatte am »Ktiesch», einem Nebenfluss des Abakan, den ausser ihn niemand kennt, einen mit einer Inschrift versehenen Steinpfeiler kopiert. zusatz 21) Als wir uns auf Geratewohl an den Ufern des Askys nach demselben erkundigten, fanden wir in dem Dorfe selbst zwei Bildsteine; den einen hatte ein Tatar als Stufe vor seine Türschwelle gelegt, der zweite lag auf dem Hinterhof der Schule. Beide waren nach den erhaltenen Reliefbildern zu schliessen besser als alle, die wir bisher zu Gesicht bekommen hatten. Beide trugen auf der Vorderseite das Bild eines Menschen und auf den Seitenflächen Darstellungen der Beschäftigungen der Verstorbenen. Auf dem einen Stein war noch ein Reiter zu sehen, an dessen langer Lanze eine Fahne flatterte wie auf der früher erwähnten Felsenzeichnung des Soljannajaberges bei dem Dorfe Suljek; auf dem zweiten konnte man noch Spuren einer Reihe Kamele unterscheiden. Alte Leute erinnerten sich, dass beide Steine neben einander vor der Kirche nicht weit vom Ende der von oben kommenden Strasse gestanden hatten. Auf meinen Vorschlag hin wurden die Steine auf den Hof der dortigen Duma gebracht, wo sie aufrecht an eine Wand gelehnt wurden. zusatz 22)

  Ungefähr 13 Werst oberhalb der Flussmündung, 2½, Werst von dem Ufer der Basa, fanden wir eine Steinfigur ohne Kopf auf der Steppe liegend, aber auch sie war ohne Inschrift. Die hiesigen Steppen sind übrigens durch die s.g. Tschudenkanäle berühmt geworden, die die Russen und Tataren nach dem Vorgang der Sojoten in Gebrauch genommen haben. Es wäre ausserordentlich interessant jene alten grossartigen Kanalanlagen kartographisch aufzunehmen und zu nivellieren, denn schwer ist es sonst von ihrem Kreislauf auf den hochgelegenen Steppen, bald weiter oben, bald weiter unten, einen richtigen Begriff zu bekommen. Ein solches Kanalsystem am Basafluss soll ein Gebiet von 40 Werst im Durchmesser umfassen. Vom Jesflusse abgeleitete Kanäle trifft man auch 7 W nördlich und 6 W südlich vom Dorfe Ust-Jes an, wie ich später beobachten konnte. Die angestellten Versuche beweisen, dass das Getreide auf den durch Kanäle bewässerten Steppen gut gedeiht. Eigentümlich ist jene alte Ackerbaukultur, die ebenso wie der Bergbau nur allmählich von der Jetztzeit wieder aufgenommen wird.

  Die Steppe zwischen dem Askys und dem Jes ist unter dem Namen »Gräber-Steppe» bekannt. In der Tat gibt es dort ungemein viele Gräber. Ungefähr zwanzig Schritte westlich von einem gewöhnlichen niedrigen Grabhügel steht am Wege der berühmte Kurtjaktas *) oder Weiber-Stein, dessen fettes Gesicht gut ausgemeisselt ist. Jetzt war das Gesicht mit Teer bestriehen und unterhalb desselben hatte der Maler mit hellerer Farbe eine Jahreszahl und seine Initialen gemalt: 1883 M.T. Dieser Stein befindet sich 7 Werst nördlich von dem Dorfe Ust-Jes. zusatz 23)
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*) Vergl. P. S. Pallas Reise, T. III. S. 358 — Castrén SMYA XXI, 1,S. 23.




  In der Nähe der Kirche dieses Dorfes hatte in den 40ser Jahren ein Reisender, der kein Russe war, — also wohl Castrén *) — 5-6 Gräber ausgraben lassen, Messer und verschiedene Ringe gefunden und 50 Schädel mitgenommen. Am Fusse eines benachbarten Berges, ein paar Werst nordwestlich vom Dorfe, befand sich ein Grab, an dessen Rande ein Stein, der das Gesicht eines Menschen darstellte, lag, sowie ein anderer, in dessen Schmalseite 62 Querstriche eingehauen worden waren. Ein dritter Stein, in dessen Seite ein Weibergesicht skulptiert war, und von dem in den Aufzeichnungen Castréns eine Abbildung vorkommt, war in das Museum zu Minussinsk gebracht worden; von ihm war der untere Teil losgebrochen und zu einem Mühlstein verarbeitet worden. Das Grab selber war gründlich durchwühlt; nach den einen soll der obengenannte Reisende das Grab als erster geöffnet haben, nach anderen wäre das schon vor ihm geschehen. zusatz 24)
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*) Castrén SMYA XXI. S. 29.


  Etwa 7 Werst südwestlich vom Dorfe und ungef. 2 Werst nördlich vom Ufer des Tjeja, fanden wir wieder einen Bildstein. zusatz 25) Er befand sich ungefähr 10 Schritte westlich von einigen Grabsteinen, von denen nur einer aufrecht stand. Auf derselben Steppe sollte sich noch ein zweiter Stein befinden, doch fand ihn unser Kutscher nicht, und 12 Werst weiter aufwärts, am Tjeja (19 Werst von dem Dorfe) ein dritter. Als Beweis dafür, das die hiesige Bildhauerkunst sich nicht ausschliesslich auf grosse Grabdenkmäler beschränkt hat, kauften wir im Dorfe einen steinernen Gegenstand, der einem Pfropfen ähnelte und zu einem Menschenkopf geformt war. Er war im Schulpflichtig gefunden worden. zusatz 26)

  Im Dorfe Ust-Jes verliessen wir unseren Tarantas, um uns nach dem Dorfe Monok jenseits des Abakan zu begeben. Zuerst galt es die Flüsse Jes und Tjeja zu übers schreiten, dann über die beiden tiefen Arme des Taschtipflusses und zuletzt über mehrere Arme des Abakan zu setzen. — — — Im ganzen waren auf der kurzen Strecke von einer Werst zusatz 27) 47 Flussübergänge ohne irgend welche Brücken vorzunehmen. Die erste Brücke in Sibirien — sie führte über den Dschebaschfluss — sahen wir am folgenden Tage auf ei- nem von der Eisenhütte Abakanskoje gebautem Wege, wohin wir unserer ursprünglichen Absicht zuwider gelangten. Der Dorfschreiber in Ust-Jes, dem Anscheine nach ein zuver- lässıger Mann, hatte uns nämlich versichert, dass unweit der Eisenhütte eine solche Felseninschrift zu finden sei, wie wir sie suchten; er habe sogar früher von ihr eine von seinem Vater gemachte Kopie besessen. Der Weg dorthin führte von Monok über das Dorf Arbatskoje 47 Werst durch bewaldetes Gelände. — — — Vergebens fragten wir und suchten wir jedoch bei der Fähre nach der Inschrift; wir mussten unverrichteter Sache von dieser Expedition, wie von so mancher anderen, zu der wir uns besonders durch Martianows Aufzeichnungen hatten verleiten lassen, zurückkehren. Nur durch Zufall dürfte man noch unbekannte Inschriftsteine finden; es lohnt sich nicht, solche auf die Anweisungen der Bevölkerung hin zu suchen. Wir wären schon zufrieden, wenn es uns gelänge, neben den zufällig gefundenen neuen, alle früher bekannt gewordenen Steine abzubilden und ihre Lage zu bestimmen. Am Arbatflusse begab sich mein Gefährte in der Abenddämmerung zu Pferde auf die Suche nach einer von alters her bekannten, 17—20 m breiten, ungefähr 15 m hohen Felswand, auf welche an verschiedenen Stellen mit roter Farbe Zeichen, vielleicht morgenländische Schriftzeichen, gemalt waren. Der Einbruch der Dunkelheit hinderte ihn indessen mehr als einige Proben zu zeichnen. Am frühen Morgen kehrten wir im Kahn nach Monok zurück.

  Der Abakan ist wie der Jenissei, überreich an Inseln; es gibt kaum eine Stelle, wo nicht mehrere Flussarme neben einander laufen. — — — Als Fahrzeuge benutzt man hier Einbäume aus ausgehöhlten Salweidenstämmen und ohne Duchten; sie werden mit Stangen weitergestossen oder mit c. 1½ Meter langen brotschaufelartigen Paddeln gerudert. — — —

  Bei Monok befand sich am Fusse eines Berges eine Sandterrasse, an deren Abhang der Regen öfters Bronzewaffen und andere bronzene Gegenstände hervorgespült hatte. Es befand sich hier ein Grabfeld aus der Bronzezeit, dessen einzelne Gräber durch Steinplattenwände, deren Ränder ein wenig aus der Erde hervorragten, angedeutet waren. Mein Gefährte blieb dort einen Tag, um Ausgrabungen zu machen, während ich nach dem Dorfe Judına fuhr, um mich nach dem Fundorte zweier Inschriftsteine zu erkundigen. Ein Bauer, der gleichzeitig Kaufmann in Judina war, hatte beim Suchen nach Steinplatten diese schönen Steine nebeneinanderliegend und von Erde beinahe bedeckt gefunden. Sie befanden sich auf einer Steppe zwischen zwei Bergen auf einem niedrigen Erdrücken, wo in einer Entfernung von ungefähr 100 Schritt vom Abakan eine Reihe von Gräbern beginnt. Die Fundstelle, die von Judina, Monok und Ust-Jes je ungefähr 8 Werst entfernt ist, hatte der Bauer schon durchgraben, jedoch nur rötliche sandige Erde und keine Spur von einem Fundament für die Steine gefunden. Von hier nach Monok zurückgekehrt, wo mein Gefährte bei Platzregen 3—4 ärmliche Skelettgräber aus der Bronzezeit untersucht hatte, zusatz 28) begaben wir uns nach Ust-Jes zurück und von dort zu dem Uluss Apak auf der »Gräbersteppe», wohin uns auf der Hinreise ein junger gebildeter Tatar zu kommen aufgefordert hatte. Hier zeichneten wir einen Bildstein ab (siehe oben S. 19, Zusatz N:o 23) und begaben uns dann über den Abakan zu einem Steine, der nach der Angabe eines alten Tataren, den in Judina gefundenen ähnlich sein sollte. Im Regen ritten wir in grosser Gesellschaft mit 16 Tataren auf 13 Pferden zu dieser Stelle, die 3 Werst von dem Fundorte der »Inschriftsteine» lag, und fanden am Bergesabhang eine nackte horizontale Felsenfläche, in der wir bald eine alte Opferstätte erkannten. Es waren hier einige Tierbilder zu sehen, sonst nur grössere und kleinere runde Grübchen und zwischen diesen Rinnen, längs denen das Blut von Grübchen zu Grübchen geflossen sein mag. Mein Gefährte machte von dem Stein eine sorgfältige Zeichnung. Einen deutlicheren Opferstein als diesen habe ich nirgends in der Literatur erwähnt gefunden. zusatz 29)

  Brief V (Forts.). U.S. 6. X. 1887, N:o 231.

  — — — Nachdem wir in Askys übernachtet hatten, fuhren wir mit der Fähre wieder über den Abakan und in östlicher Richtung zum Bei. Auf dem Hinwege kauften wir in dem Dorfe Utinskaja eine seltene Altsache, einen grossen mit dem Öhr 46 cm hohen und 11,9 Kilo wiegenden tschudischen» Bronzekessel (Nat.M. N:o 2599: 46;), wie sie bisher nur im Minussinsker Kreise und am Don gefunden worden sind. Auch das Dorf Beiskoje erwies sich als günstige Einkaufstelle für Altertümer. Während mein Gefährte sich nach dem in der Nähe befindlichen Berge Kapschatskoje begab, wo er anstatt Tierbilder und Inschriften nur versteinerte Schnecken und andere Tiere fand, machte ich mit dem dienstfertigen Wolostschreiber bei der Dorfbevölkerung einen Rundgang und kaufte verschiedene Altsachen. — — —

  Um auch die Ufer des Jenissei zwischen den Bergen und Minussinsk besuchen zu können, beschlossen wir, uns zu trennen. Mein Gefährte erhielt einen deutschen Schmied zum Dolmetscher und begab sich zum Abakan zurück, um einige Felsenzeichnungen in Augenschein zu nehmen, und weiterhin über Askys zum Syr und Uibat, um nach schon früher dort gefundenen Inschriftsteinen zu suchen. zusatz 30) Ich begab mich nach Osnatschennaja, einem Dorfe am Jenissei, an der Grenze zwischen dem Sajanischen Gebirge und der grossen Koibalsteppe.

  Bald nach meiner Ankunft stellte sich auch der Maler Stankewitsch ein, den ich in Minussinsk kennen gelernt hatte und der dort befindliche »Runensteine» kopiert hatte. Er reiste nach der Eisenhütte am Abakan, wo der Vater des Dorfschreibers in Ust-Jes noch lebt, und versprach, mit dessen Hülfe die Felseninschrift, nach der wir bei der Fähre der Eisenhütte vergebens gefahndet hatten, aufzusuchen und zu kopieren.

  Mein Wirt erinnerte sich noch Castréns, der wegen eines »Runensteines» nach Osnatschennaja gekommen war. Da die Leute von dem Steine nichts wussten, nahm Castrén sie mit, fand den Stein und rühmte sich dann, wie er aus der Ferne kommend die Sache besser kenne als die Ortsbevölkerung selbst. Wenn mein Wirt sich recht entsinnt, und selbst zweifelte er nicht daran — so hatte der s. g. »Castrén-»Stein» — im Gegensatz zu übrigen, deren Fundstellen ich untersucht habe — auf einem niedrigen aus Erde aufgeworfenen Grabhügel von ungefähr 16 Meter Durchmesser gestanden. Dieser Grabhügel liegt ungefähr ½ Werst vom Dorfe an dem Wege nach dem Dorfe Kala; nur zwei niedrige auf der dem Wege zugekehrten Seite des Grabes stehende Steinpfeiler sind übrig geblieben. Mitten im Hügel ist eine grasbewachsene Grube, die entstanden sein dürfte, als Castrén den Stein aus der Erde herausgraben liess um ihn nach Schuscha zu schicken; andere Funde hat er, nach der Angabe des Alten, nicht gemacht und auch nicht gesucht. Obgleich das Herausgraben des Steines keine so grosse Grube hätte zu verursachen brauchen, schien der Grabhügel noch einer Untersuchung wert zu sein; allein da die Zeit schon weit vorgeschritten war — es war der 30 August — und Arbeitsleute in der Erntezeit schwer zu erhalten waren, musste ich ihn ununtersucht lassen. *)
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*) Vgl. SMYA XXIX: 2: S. 19-22.

  Die Aufmerksamkeit, die der von Castrén gefundene Stein erregte, führte ungefähr 10 Jahre später zur Entdeckung von zwei anderen Inschriftsteinen, die, wie ich glaube, auf Veranlassung der Petersburger Altertumsgesellschaft nach Schuscha geschickt wurden. Den einen hatte man »20-25 Werst unterhalb der Mündung des Uiflusses» gefunden, die 15 Werst oberhalb des Dorfes Osnatschennaja liegt, den anderen 25 Werst von Kala und 20 Werst von dem Dorfe Atschura. Als ich mich bei den Tataren des stromabwärts von Osnatschennaja belegenen Uluss Lietnik nach den Standorten derselben erkundigte, erzählte mir ein Schmied, dass sein Bruder, der Tatar Nikolai Stajakow, der jetzt in dem Dorfe Sajanskaja arbeitete, vor 20-25 Jahren auf der Steppe un- weit der Tscholpanschen Berge einen mit Inschriften bedeckten Stein liegen gesehen habe. Am folgenden Tage erkundigte ich mich in Sajanskaja auf der rechten Seite des Jenisseiflusses nach dem Manne. Er war auf Feldarbeit, aber ich gab dem Dorfschreiber eine schriftliche Anweisung, dass der genannte Tatar bei dem Apotheker Martianow in Minus- sinsk 3 Rubel ausgehändigt bekommen sollte, wenn er den Stein fände und die darauf befindliche Schrift derselben Art wäre wie die von mir zur Probe auf ein Stück Papier geschrie- benen Schriftzeichen. In dem folgenden Dorfe Schunerskaja erfuhr ich von dem Dorfpfarrer, dass der Mann, der die Steine nach Schuscha transportiert hatte, Pawel Solowjow, hiess und aus dem Dorfe Atschura war. Ich traf ihn jedoch nicht zu Hause an, da er sich auf einer Reise nach Minussinsk befand, aber ich hinterliess ihm schriftlich einige Fragen mit der Bitte, dieselben Herrn Martianow brieflich zu beantworten.

  Als ich bemerkte, dass der Einkauf von Altertümern hier an der allgemeinen Fahrstrasse, wo man solche für das Museum in Minussinsk eifrig gesammeit hatte, ziemlich schlecht ging, entschloss ich mich durch Walddörfer und das finnische Kolonistendorf Werchne-Suetuk nach Minussinsk zurück- zukehren. Unterwegs traf ich in dem Kirchdorf Subbotinskoje den alten Schreiber aus Schuscha, bei dessen Vater Castrén wenigstens einen Monat gewohnt hatte, und wo er tagaus tagein an seinem improvisierten Arbeitspult stehend geschrieben hatte. Fleissig hatte er gearbeitet, dabei den Bei- stand eines Dolmetschers gebrauchend. Auf meine Frage, ob er gut Russisch gesprochen habe, antwortete der Alte: »Nicht besonders» ((не слишкомъ).

  Am 1 September langte ich spät abends in Werchne- Suetuk an. — — — Am folgenden Abend reiste ich wieder ab und kam nach einer Reise im Regen die ganze Nacht hin- durch am folgenden Morgen in Minussinsk an, wo ich wie der Zeitungen und Briefe bekam. — — — Meine Arbeitszeit ist jetzt zu Ende — — —.

Appelgren kehrte gestern zurück, Zeichnungen und Alt. sachen mit sich bringend, allein die vermissten Inschriftsteine hatte er auch diesmal umsonst gesucht. — — —

  Die Bevölkerung benutzt gern die schönsten Steine für ihre Bauzwecke, weshalb es möglich ist, dass die vermissten Steinpfeiler auf diese Weise verloren gegangen sind. Verge- bens werden drei von Pallas gefundene Steine gesucht — zwei am Uibat und einer am Jenissei an der Mündung des Tuba, — sowie einer, den Strahlenberg am Flusse Ktiesch (Askys?) gefunden hat,*) ferner ein von Messerschmidt und ein von Castrén am Uibat entdeckter. Unbekannt ıst auch, wo Castréns Kopie des letztgenannten Steines sich befindet; er selbst sandte sie an Prof. Frähn und aus Petersburg wurde sie schon 1856 an Prof. Kowalewski nach Kasan geschickt. Ausser diesen sechs kennt man noch folgende Inschriften dieser Art: eine »4 Arschinen» lange Inschrift in zwei Zeilen, die jedoch »beinahe vollständig verwischt» ist, unweit des Dorfes Trifanowa am Jenissei an der Nordgrenze des Minussinsker Kreises; eine Felseninschrift am Tscharuschaflusse, südlich von Barnaul im Gouv. Tomsk; eine lange Felseninschrift in 4 Zeilen am Kemtschik und 2 Inschriftsteine am Jenissei — die drei letztgenannten auf der chinesischen Seite der Grenze. Wir haben 9 Inschriftsteine und eine Felseninschrift
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*) Sieh oben Zusatz N:o 21.

kopiert. Spuren jener Schriftsprache sind also, soviel man weiss, an 21 Felsen und Steinpfeilern erhalten. Leider ist es schwer, die älteren, besonders die von Pallas und Spassky gemachten Kopieen, zu deuten, auch wenn man die Schriftzeichen kennt. J. R. A.

Brief VI. U.S. 13. X. 1887: N:o 237.
Helsingfors den 8 Oktober 1887.

  Während wir nach Appelgrens Rückkehr aus Uibat auf Pastor Granö warteten, untersuchte ich im Minussinsker Museum der Reihe nach verschiedene Gruppen von bronzezeitlichen Gegenständen; von früh morgens bis zum späten Abend zeichnete Appelgren unermüdlich die interessantesten Formen ab.*) — — —
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*) Nachdem der schwedische Forscher F. R. Martin im Jahre 1893 sein grosses Bilderwerk über die Minussinsker Bronzen »L'âge du bronze au musée de Minoussinsk» herausgegeben hat, liegt kein Anlass vor die von mir ausgeführten Abbildungen zu veröffentlichen.

  In Anbetracht der regen Bronzeindustrie jener Zeit ist es auffallend, dass es heutzutage im Minussinsker Kreise kein einziges Kupferbergwerk gibt, obgleich man viele Stellen kennt, wo die Tschuden Kupfererz gebrochen haben. Die Erklärung erhielt ich von einem hiesigen Geologen. Die Tschuden hätten es verhältnismässig leicht gehabt, Kupfererz aus den oberen Schichten zu gewinnen; diese aber haben sie auch beinahe vollständig geleert. Es gibt auch tiefer liegende Schichten von Kupfer, allein dann in solchen Verbindungen, aus denen es sich nicht lohnen dürfte das Kupfer auszuscheiden. Zur rechten Zeit scheinen die Tschuden also das Gusseisen entdeckt zu haben, aus dem sie dann ihre verzierten Waffen in den alten Gussformen zu giessen begannen, zuweilen unter Verwendung beider Materialien. — — —

  Es gab aber noch eine wichtige Aufgabe, die uns den ganzen Sommer vorgeschwebt hatte, die wir aber, schon weil uns ein dritter Reisegefährte fehlte, für unausführbar gehalten hatten. Es war dies die Abbildung der jenseits der chinesischen Grenze befindlichen Inschriftsteine. Die Aufgabe an und für sich wäre leicht, wenn wir nur für die beschwerliche Reise Zeit genug hätten. Jetzt hätte Appelgren Zeit, wenn er nur einen passenden Reisegefährten finden könnte. Einen solchen erhofften wer in der Person Pastor Granös, von dem wir wussten, dass er schon früher eine Expedition zu den Sojoten in der Nordwestmongolei geplant hatte. Am Morgen des 7 September erkannte ich in der Einfahrt den Tarantas unseres Freundes und A. eilte seinem Schulkameraden entgegen und weckte ihn mit dem schönen Liede: »Aamulla varhain, kun aurinko nousi». Aber an demselben Morgen hatte sich der Kaufmann Safianow, die Stütze und der Ratgeber aller über die Grenze Reisenden, der »mehr tat, als er versprach», fortbegeben, um eine Vieherde in Empfang zu nehmen. Wir warteten auf ihn bis zum Abend, aber erst am folgenden Morgen kam er und eilte schnurstracks aus dem Sattel ins Museum, als er hörte, dass wir ihn dort erwarteten. Er war ein rüstiger intelligenter Vierziger; bald wusste er in allem uns Bescheid zu geben. Von Arbat am Abakan führte der kürzeste Weg in etwa 5 Tagen über die Berge. Die Zeit sei nicht mehr günstig. Der Schnee liege vielleicht schon ungefähr 1 m tief auf den Bergen, aber nur auf einer Strecke von etwa 25 Werst. Unzählige Male müssten Flüsse überschritten werden; aber schwierig sei eigentlich nur eines, nämlich dass man oft gezwungen sei, auf das Sinken des Wassers, das allerdings schon zur Nachtzeit eintreten könne, zu warten. Auf 3 Männer (Granös Küster war der dritte) müssten in Anbetracht des Gepäcks fünf Pferde gerechnet werden. Im Nu hatte S. die für die Reise erforderlichen Gegenstände verzeichnet und Bescheid gegeben, wo sie zu haben seien. Es gehörten zur Ausrüstung kurze Pelze und langschäftige Stiefel, ein Zelt, das er selbst zu besorgen versprach, eine Axt, ein Kessel, eine Teemaschine, Holzbecher, Hammelbraten, Zwieback und andere Lebensmittel für 10 Tage, alles Weitere würde man in seinem Kaufladen jenseits der Grenze bekommen, aber Geld benötige man unter den Sojoten nicht. Auch wusste er, an welchen Tagen Flösse stromabwärts führen, auf welchen die Reisenden in drei Tagen nach Minussinsk zurückkehren könnten. Nach Pässen frage niemand. Ein Goldgräber riet den Reisenden eine Woche zu warten, dann könnten sie in grosser Gesellschaft fahren, was sicherer wäre, wenn zum Beispiel ein Floss zur Überschreitung eines Flusses gezimmert werden müsste. Beide Teilnehmer an der Expedition wollten aber von Warten nichts wissen; am folgenden Tage, dem 9 September, sollte die Fahrt angetreten werden, zuerst im Wagen nach Arbat, wo Safianow einen Führer und Reitpferde beschaffen wollte. Alle von uns gesammelten Gegenstände wurden in eine Kiste verpackt um an die Kaiserl. Archäologische Kommission in St. Petersburg versandt zu werden, und am 8 September abends nahm ich von meinen Gefährten Abschied und wünschte ihnen eine gute Reise nach der Mongolei. — — — zusatz 31)




  Da die Dampfer von Tomsk montags und freitags um 3 Uhr morgens abgehen, konnte ich unmöglich noch das Montagsboot erreichen; ich hatte also reichlich Zeit, die ich zum Einkauf von Gegenständen benutzte, wobei ich zum ersten Mal die Methode eines Sammlers, Namens Kusnetzow anwendete. Bei der Ankunft im Dorfe gab ich dem Kutscher oder einer anderen Person im voraus 15—20 Kopeken Trinkgeld und forderte ihn auf in jedem Hause nach »tschudischen» Gegenständen zu fragen. Für jeden Gegenstand, den man mir daraufhin anbieten würde, sollte er noch eine Provision von 5 Kopeken erhalten. Auf diese Weise verdiente ein junger Dorfschreiber in Batanewskaja in ein paar Stunden über einen Rubel.

  Am Fusse eines Berges, 2—3 Werst oberhalb des Dorfes, links vom Wege, liegt eine weite aus dem Flusstale aufsteigende Ebene, die unter dem Namen »Tschudskija-Jerki» be- kannt ist, und als ein Wohnplatz der Tschuden galt. Der Regen hatte hier reichlich Altertümer aus dem Sande gespült. Ausser Bronzegegenständen hatte man dort Tongefässe gefunden, 5 Handmühlsteine, Pfeilspitzen aus Feuerstein und Feuersteinspähne. Hier würde sich eine Ausgrabung verlohnen. Im Vorüberfahren glaubte ich auf der Ebene niedrige Grabhügel ohne Steine zu sehen. Aber mit solchem Eifer hat man in der letzten Zeit in dieser Gegend alle Altertümer aufgekauft, dass ich z. B. im Dorfe Ajoshka, welches auf einem tschudischen Friedhof liegt, und vor drei Jahren, als es von Herrn Adrianow aus Tomsk besucht wurde, ein vorzüglicher Kaufplatz war, jetzt keinen einzigen Gegenstand erhalten konnte. — — —

  Unter anderen Sammlern erwähne ich den Geistlichen Smirnow aus Abakansk, dessen Sammlungen einst der Universität in Tomsk zufallen sollen. Ich besuchte Smirnow, bekam aber seine Altertümer, die sich auf 100 Stück beliefen, nicht zu sehen. Auf seinem Hofe lagen 4 von Grabdenkmälern mit dem Hammer losgehauene Steinplatten, auf denen grob eingehauene Bilder von Männern, Reitern, Hirschen und anderen Tieren, sowie Hausmarken zu sehen waren. *) — — —
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*) Vgl. Die dritte Reise, 1889, Brief. VIII, U.S. N:o 276 und Zusatz N:o 55.

  Von dem Dorfe Ajoshka, wo die Fahrstrasse den Jenissei verlässt, fuhr ich längs dem Ufer über das Dorf Nowoselowo zu den s.g. Trifanower Felsenzeichnungen, um sie zu untersuchen und vor allem, um jene »übel zugerichtete», »zwei Arschin lange» zweizeilige tschudische Inschrift, die sich unterhalb der Felsenzeichnungen befand, auf Löschpapier zu kopieren. Die Zeichnungen, Tiere und Hausmarken darstellend und nach früheren Forschern teils mit roter, teils mit schwarzer Farbe gemalt, waren mit einer Spitzhacke eingehauen; die besten erinnerten an die Zeichnungen auf dem Aglaktyberge, aber Farbe konnte ich nicht entdecken. Besonders in den eingehackten Vertiefungen, aber stellenweise auch am glatten Fels hatte schwarzes Moos Wurzel gefasst — dies war wahrscheinlich »die schwarze Farbe» —, wogegen die natürliche rote Farbe des Felsens in den unbemoosten Bildern etwas deutlicher zum Vorschein kam als auf der glatten Fläche. Der Felsen führt den Namen Krasnij-Kamen (der rote Felsen). Von der Inschrift konnte ich aber keine Spur entdecken, obgleich ich viele Male längs dem Felsen auf und abging. Als ich endlich dem Kutscher bemerkte, dass ich die Inschrift, die unter den Bildern sein sollte, nicht fand, zeigte er mir gleich den Platz: »Sie war hier», erzählte er, »aber vor 3 Jahren brachte ich hierher einen Herrn, wie jetzt Sie, und damals wurde der Stein, der die Inschrift trug, mit dem Hammer ausgebrochen, und der Herr nahm ihn mit». Ich bat ihn, seinen traurigen Bericht fortzusetzen. »Er kam im Boot von Minussinsk nach Nowoselowo, von wo ich ihn hierher fuhr. Nach unserer Rückkehr setzte er seine Fahrt auf dem Jenissei fort. Als er von uns wegfuhr, führte er 3 »Kul» (Säcke) mit sich und in Trifanowo kaufte er tschudische Gegenstände. Er fuhr im Boot bis nach Krasnojarsk» — »War er aus Krasnojarsk gebürtig?» fragte ich — »Nein, man sagte, er sei ein Russe». Den Namen des Kutschers, Simeon Wasiljew Maksimow, schrieb ich mir auf; er ist nämlich der einzige Zeuge und von dem Wiederfinden des entführten Steines hängt die Rettung der Schrift ab. Die Felsenbilder zeichnete ich mit Bleistift ab, um den Platz der Inschrift angeben zu können. In Nowoselowo versuchte ich mit Hilfe des Wolostschreibers I. I. Sawrasow nachzuforschen, wer der Reis sende gewesen sein könne, aber er war nicht mit einer »Podoroschnaja» gereist. Der Schreiber glaubte jedoch, jener Mineralien» und Antiquitätensammler sei ein Abgesandter des Herrn Martianow gewesen, der vor 2—3 Jahren längs dem Jenissei gereist war. — — —

  Brief VI (Forts.). U.S. 16. X. 1887: N:o 240.

  In Karelka an der Nordgrenze des Minussinsker Kreises, verliess ich den nach Atschinsk führenden Weg und wählte die 56 Werst kürzere Strecke über das am Ushury und Bjäloje-Osero liegende Dorf Kornilowo nach der Poststation Itatskaja, die an der grossen Fahrstrasse zwischen Krasnojarsk und Tomsk liegt. Bei Kornilowo sah ich zum letzten Mal Steppengräber; es ist das letzte Dorf, wo man noch tschudische Gegenstände antrifft.e. Das Gelände bleibt nach wie vor eben, ist aber mit niedrigen Birken — und anderem Laubwald bewachsen. — — — J. R. A.

  Dann fuhr Aspelin über Tomsk, Tobolsk, Tjumen, Jekaterinburg, Perm und Nishnij-Nowgorod nach St. Petersburg. In Helsingfors traf er am 7 Oktober 1887 ein.

  Der letzte Brief Aspelins beschäftigt sich mit den archäologischen Sammlungen des Tomsker Museums, die von Dr. A. O. Heikel später in den »Mémoires» der Finnisch-Ugrischen Gesellschaft Bd VI veröffentlicht wurden.